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| Streit |
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| Sie hatten auf einfachen, aber bequemen
Strohmatrazen geschlafen, alle zusammen in einem grossen Saal.
Kühnhold hatte wieder gemeckert, er hätte ein Recht
auf eine Privatsphäre und so weiter. Paul hielt sich
weiter zurück; er hatte gespürt, dass einige der
Menschen ihn seit seinem Zusammenstoss mit Kühnhold feindselig
ansahen.
‘Warum konntest du auch nicht ruhig sein und musstest
das Grossmaul spielen?’ schimpfte er in Gedanken mit
sich.
Na, das würde sich schon wieder geben, der Mensch ist
vergesslich.
Zum Frühstück reichten die Gastgeber eine Art Müsli
aus verschiedenen Getreidearten und Früchten, dazu gab
es wohlschmeckenden schwarzen Tee. Wieder schien er der einzige
der Delegation zu sein, dem diese Ähnlichkeit zur Erde
auffiel. Nach dem Frühstück versuchte er sich mit
Hermfried darüber zu unterhalten, aber der wies ihn nur
ziemlich schlechtgelaunt zurecht. Die universelle KRAFT hatte
dafür gesorgt, dass es ihnen an nichts fehlte. Meinte
Hermfried. Oder Kühnhold.
Paul begann sich unbehaglich zu fühlen. Kühnhold
machte offenbar Stimmung gegen ihn, wo er konnte. Es sah fast
so aus, als wollte er Paul als Abbild des Bösen aufzubauen,
als Erfinder der Technik, die sie ins Unglück gestürzt
hatte. Er musste dringend damit anfangen, sich aus der Schusslinie
zu bringen.
Er beschäftigte sich wieder damit, die Leute zu beobachten
und alles, was Rückschlüsse auf die Technik zuliess,
genauer zu untersuchen.
Das Geschirr war präzise gearbeitetes Steingut, schwer
und hellgrau. Die Trinkgefässe waren aus kunstvoll verziertem
Glas oder ebenfalls aus Steingut. Das Besteck bestand aus
Messing; etwas problematisch, fand Paul, da es den Geschmack
bei säurehaltigen Speisen etwas beeinträchtigen
konnte. Tische und Stühle waren ergonomisch gut geformt
und zeugten von einer hohen handwerklichen Fertigkeit der
Negser. Alles schien im typisch vorindustriellen Entwicklungsstadium,
aber in der Blüte der Kunst.
Was ihm auffiel, war der freundschaftliche Umgang der Negser
untereinander. Keiner schien dem anderen in Bezug auf die
gesellschaftliche Stellung wirklich überlegen zu sein.
Selbst Redala und Dagolesian, die ja gestern als Führungspersönlichkeiten
vorgestellt wurden, beteiligten sich an so profanen Tätigkeiten
wie dem Decken und Abräumen der Tische; Dagolesian verschwand
sogar für eine halbe Stunde zum Kochen. Falls Negs ihre
neue Heimat werden sollte, schien das kein schlechtes Schicksal
für sie zu werden.
Mit gerunzelter Stirn sah er zu Kühnhold herüber.
Wenn der die Idylle mal nicht zu sehr trübte!
Er entschloss sich, in den nächsten Tagen vorsichtig
zu erkunden, wer unter den Menschen noch nicht im kühnholdschen
Sinne religiös geworden war. Vielleicht würde sich
auch eine zurückhaltende Kontaktaufnahme mit einigen
Knn lohnen. |
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| Obwohl, das waren schon komische
Kerle. Sie waren den Menschen gegenüber zwar stets freundlich,
aber auf eine derart distanzierte Art, dass sich die Kontakte
zu ihnen auf die sachliche Zusammenarbeit beschränkte,
obwohl sie doch mittlerweile mehr als ein halbes Jahr zusammen
lebten. Sie wirkten in ihrer Arbeit ausserordentlich kompetent
und souverän, exzellent organisiert und diszipliniert.
Über die kleinen Spleens wie ihr übersteigertes
Ehrgefühl - egal was passiert, nur nicht das Gesicht
verlieren - und ihre Angst vor engen Gängen konnte man
wohl hinwegsehen. Paul wurde allerdings das Gefühl nicht
los, dass da auch einiges an Schau dabei war. Er war sich
bis heute nicht darüber im Klaren, ob der Besuch der
Negser auf der Erde wirklich geplant war. Die Argumentation,
man habe mit einem Streich mehrere Fliegen, sprich Sonnensysteme,
erforschen wollen, schien ihm angesichts der Toten auf Terkan
nicht so ganz einleuchtend. Vielleicht hatten sie einfach
nur den Sprungpunkt im Terkansystem nicht richtig getroffen
und waren im Sonnensystem statt zu Hause gelandet; zugeben
würden die das nie.
Aber Oggrd und Brzz waren zwei Knn, die relativ offen waren,
deshalb hatten sie sich auch allein auf die Erde getraut;
Paul hatte das damals imponiert. Dieser Respekt schien ein
gegenseitiger gewesen zu sein. Irgendwann hatte Oggrd mal
gefragt, wieso sie den frenden Monstern aus dem Weltraum so
völlig ungeschützt auf dem Tomnahurich entgegengetreten
waren; sie hatten offenbar auch einige Science-Fiction-Romane
der Menschen gelesen und wohl mit mehr Angst und Vorsichtsmassmahmen
gerechnet. Paul hatte grinsend mit den Schultern gezuckt,
etwas von Risiko in einer so aussergewöhnlichen Situation
erzählt und sie auf die Gefahr hingewiesen, in die sie
selbst sich begeben hatten. Oggrd hatte daraufhin zustimmend
genickt.
Er musste mal ganz unverfänglich mit den Knn sprechen
und deren Vorstellungen von der Zukunft auf Terkan herausfinden.
Bei seinem Feingefühl, er dachte an seinen Zusammenstoss
mit Kühnhold, sollte das wirklich kein Problem sein.
Sie wurden an diesem zweiten Tag in Negs ein wenig von den
Bewohnern in der Stadt herumgeführt. Negs war eine Stadt
wie aus einem Guss. Der Baustil war überall so einheitlich,
wie sie ihn gestern erlebt hatten. Der Grundriss der Stadt
wirkte wie von langer Hand geplant, alles schien an einem
Tag erbaut worden zu sein. Paul beruhigte sein mulmiges Gefühl
mit dem Gedanken daran, dass mittelalterliche Städte
stets einheitlich wirkten, auch dann, wenn sie über einen
Zeitraum von mehr als hundert Jahren entstanden waren.
Die Negser konnten sich nicht daran erinnern, dass die Zahl
der Einwohner sich nennenswert verändert hatte. Sie lebten
in einem Gefühl der extremen Abhängigkeit von ihren
natürlichen Resourcen, tausend Leute zuviel, und alles
würde möglicherweise kollabieren.
Den Mittelpunkt von Negs bildete ein für hiesige Verhältnisse
riesiger Platz, weit mehr als einhundert Meter im Durchmesser.
Im Zentrum dieses Platzes war diese eigenartig geformte Vertiefung,
vom Dreieck bis zum Sechseck alle geometrischen Formen ineinander.
Dieses Symbol war ihm auch voher schon an den Kleidungsstücken
einiger Negser aufgefallen, es war entweder eine Art Vereinsabzeichen
oder es hatte eine religiöse Bedeutung.
Vom Platz führten einige breitere Strassen zu kleineren
Plätzen, die wiederum die Zentren der Stadtsechstel bildeten
- Sechstel, echt witzig. Die breiteste Strasse ging leicht
bergab in Richtung auf das einzige grosse Tor von Negs zu.
Die riesigen Holzflügel standen offen, das war immer
so, wie Dagolesian ihnen versicherte. In der Stadt hatten
sie nie einen Ausblick auf die Umgebung gehabt, dazu standen
die Häuser einfach zu dicht zusammen. Jetzt tat sich
plötzlich eine weite Landschaft auf, die ihnen fast den
Atem nahm. Eine breite, gewundene Strasse führte durch
ein vegetationsloses Felsgebiet steil hinab in die weit unterhalb
liegende Ebene. Dort erstreckte sich ein Flickenteppich aus
hellgrünen, dunkelgrünen, kleineren gelben und roten
sowie dunkelbraunen Stücken. Kleine Dörfer und Gehöfte
lockerten den Anblick zusätzlich auf. |
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Durch diesen Teppich aus üppiger
Vegetation schlängelte sich silbern in der Sonne glänzend
der Fluss, von dem ihnen die Negser schon voller Ehrfurcht
erzählt hatten.
Auf der linken Seite verschwand im Nebel die Andeutung eines
Waldgebietes. Weit in der Ferne sahen sie über dem Dunst
der Ebene hohe Berge, deren Gipfel weiss in der Sonne leuchteten.
Auf der gegenüberliegenden Seite stiegen in ein paar
Kilometern Entfernung ziemlich abrupt Berge aus der Ebene,
sie mochten etwas höher sein als die, auf denen die Stadt
lag. Rechter Hand auf einem oberhalb liegenden Berg, der durch
eine weite Schlucht von der Stadt getrennt war, befanden grosse
Gebäude, deren Zweck nicht sofort klar war. Die Flügel
einiger riesiger Windmühlen drehten sich langsam im Wind.
Ein leichter Wind wehte hangaufwärts und brachte die
Gerüche der Ebene zu ihnen herauf. Paul sog die Luft
genüsslich ein, es roch nach frischer, feuchter Erde,
nach Gras, nach frisch abgeernteten Feldern. Vielleicht bildete
er sich alles nur ein, weil ihn der Anblick an die Erde erinnerte.
Dieser Anblick einer wohlorganisierten Agrarlandschaft gab
ihm Zuversicht. Offenbar waren sie nicht darauf angewiesen,
im Wald mühsam als Jäger und Sammler dahinzuvegetieren
und langsam eine geordnete Versorgung aufzubauen, sie
konnten sich in ein gemachtes Nest setzen.
Ein paar Meter neben ihm fing er einige Wortfetzen auf, Kühnhold!
“ ... werden uns versorgen ... sicher keine Schwierigkeiten
bereiten ... wir haben hier ein gutes Land ...” und
so weiter.
Dieser Typ schien also wirklich anzunehmen, dass er hier
einfach die Füsse hochlegen würde und sich von den
dienstbaren Geistern aus Negs bedienen lassen würde.
Wir haben hier ein gutes Land, wir!! Von der KRAFT gegeben,
offensichtlich. Um Kühnhold herum standen einige seiner
engsten Jünger und hingen an seinen Lippen; er sah Hermfried,
zu seinem Unbehagen auch Kado, die ihm aufmerksam zuhörten.
Nun, trotz seines erwiesenen diplomatischen Geschicks würde
sich Paul damit beeilen müssen, sich Klarheit über
die Einstellung einiger seiner Mitmenschen zu verschaffen.
Er bekam das Gefühl, dass Kühnhold eine Art militärischer
Übernahme der Stadt plante. Nur, wem konnte man trauen?
William hatte zu grossen Respekt vor seiner Jane, die wiederum
von Kühnhold fasziniert war. Mona war ohnenhin Kühnhold
verfallen, geistig jedenfalls. Kado und Andra schienen ebenfalls
übergelaufen zu sein, wer also blieb? Ein Risiko wollte
er schliesslich nicht eingehen, dazu war er schon zu sehr
exponiert in Kühnholds Augen, also ruhig, nur ruhig.
Während der Reise hatte er zwar mit einigen Leuten zusammengearbeitet,
aber die Zeit war zu kurz gewesen um wirklich tiefere Freundschaften
zu schliessen, er war doch meist in der Umgebung geblieben,
die er von der Erde kannte, also Kado, Andra, William, Jane,
dazu war Mona gekommen, vielleicht noch Hermfried. Alle von
der KRAFT verseucht, wie er jetzt bitter feststellte. |
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Unten auf dem Fluss segelte ein plump
wirkender Kahn langsam auf die größte Ortschaft
zu, wie es aussah, war das der Hafen. Das Dreieckssegel hing
schlaff in den Masten, aber die träge Strömung sorgte
für eine gemächliche Vorwärtsbewegung. Die
Ladung war nicht zu erkennen.
Paul wies Oggrd auf das Schiff hin und fragte nach der Ladung.
“Ich frage mal nach”, meinte er, nachdem er auch
eine Zeitlang auf die Szenerie geblickt hatte.
Er sprach mit einem kleinen, grauhaarigen Mann mit einer
Brille, einem der wenigen, die etwas schüttere Haar hatten.
Man verständigte sich mit Händen und Füssen
und nach einiger Zeit kam Oggrd zurück.
“Es scheint Metall zu sein, von den Bergen am Horizont.
Dort wir es abgebaut, verhüttet und das Rohmaterial wird
hier verarbeitet.”
“Hast du herausbekommen, um welches Material es sich
handelt?” fragte Paul zurück.
“Kupfer muss es wohl sein, weil er von rotem Metall
sprach. Vermutlich auch Zink, die haben hier schliesslich
viel Messing.”
“Und wer baut das ab?”
“Da bin ich nicht schlau draus geworden. Keine Fremden
jedenfalls, die gehören zu Negs. Vielleicht eine Art
Straflager, ich weiss nicht. Wir haben Zeit, wir werden es
erfahren.”
“Man kann sicher etwas nachhelfen, an diese Information
zu kommen.”
Oggrd sah ihn etwas befremdet an.
“Willst du Gewalt anwenden?”
“Ach”, meinte Paul leichthin. “Gewalt ist
ein hartes Wort.”
“Das hätte ich nicht von dir erwartet. Du schienst
mir immer als ein Mensch, der nicht so ihn festen Bahnen denkt
und redet. Und jetzt redest du wie euer Chef.”
“Wie Kühnhold? Das gefällt dir wohl nicht!”
Oggrd sah ihn lange und forschend an, dann schüttelte
er, traurig wie es schien, den Kopf.
“Zu viele von euch denken so”, meinte er und
wollte sich abwenden.
Paul fasste ihn kurz am Arm.
“Nicht alle, mein Freund, nicht alle. Entschuldige,
dass ich einfach so eine Rauchbombe geworfen habe.”
Er sah das fragende Gesicht seines Gegenübers. “Ich
bin im Moment bei uns offenbar nicht so gern gesehen, vor
allem von Kühnhold nicht. Ich wollte deine Einstellung
zu ihm zu testen, indem ich seine Meinung vorgetragen habe
- das war die Rauchbombe. Ich habe schon noch alle zusammen,
versuch mir das trotz meiner Worte gerade zu glauben. Du kennst
mich noch richtig.”
Oggrd sah kurz zu ihm hin.
“Wem soll man trauen?”
“Vielleicht werde ich es bald nötig haben, dass
du mir traust.”
Oggrd zuckte mit den Schultern, dann ging er wieder zu seinen
Leuten.
Paul lobte sich in Gedanken. Wie er es sich gedacht hatte,
war er mit seinem diplomatischen Geschick aufgelaufen und
hatte Oggrd misstrauisch gegen sich gemacht. Nun ja, wenn
schon einsam, dann auch richtig. Vielleicht war es jetzt an
der Zeit, einen der führenden Negser zu ohrfeigen, damit
die auch einen ordentlichen Eindruck von ihm bekamen und ihm
eine weit entfernte Höhle zum Einsiedeln zuwiesen. Andererseits
konnte es sein, dass er zum Risiko gezwungen war, weil Kühnhold
durchdrehte.
Wie auf Bestellung bewegte sich der liebe Mann auf ihn zu.
“Was hattest du denn mit Oggrd zu bereden?”
Paul spielte den arglosen Kundschafter und wies Kühnhold
auf den Kahn hin, der mittlerweile im Hafen angekommen war.
Er erzählte von Oggrds Gespräch mit den Negsern
und dass man versuchen sollte, genauere Informationen über
den hiesigen Bergbau einzuholen.
Kühnhold zog zufrieden ab und steckte mit einigen seiner
Getreuen die Köpfe zusammen, worauf sich Paul fragte,
was denn an der Information so wichtig gewesen sein könnte.
Es kam Bewegung in die Gruppe, man schlenderte wieder zum
Stadttor hinein und begab sich wieder zur Unterkunft. Nach
dem Mittagessen legten sich die Negser zu einer Siesta in
den Schatten, die meisten Mitglieder der Delegation taten
es ihnen gleich. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel,
eine flirrende Hitze lag in der Luft; auch Paul fand, dass
ein kurzer Mittagsschlaf durchaus angeraten schien. |
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| Als er wieder aufwachte, waren die meisten
mit einer Gruppe Negsern wieder unterwegs auf Besichtigungstour
durch die Stadtverwaltung. Neben ihm räkelte sich Rodion
Gattullain, den man auch hatte schlafen lassen.
“Du hast wohl auch einen gesegneten Schlaf, was?”
begann Paul mit einer leichten Konversation.
“Das muss die gesunde Landluft sein”, gab Rodion
zurück. “Aber was machen wir jetzt ohne die anderen?”
Rodion Gatullain war kaum kleiner als er, dafür aber
schlank, mit blonden, zerzausten Haaren über einer leicht
erhöhten Stirn. Er hatte irgendwo in Estland eine Professur
für technische Prozesssteuerung gehabt, deshalb hatte
Paul schon häufiger mit ihm gesprochen. Er erinnerte
sich an Rodions Nummer auf russisch, als sie gestern an der
Stadtmauer standen.
“Was hast du denen eigentlich erzählt?”
fragte Paul.
“Oh, ich habe versucht, ihnen das Rezept für russischen
Borschtsch nahezubringen, aber sie wolltens einfach nicht
kapieren! Banausen!” schnaubte er ärgerlich, dann
grinste er ihn aus seinen hellblauen Augen an. “Die
kriegen das mit dem Kochen auch so ganz gut hin, wenn man
den technischen Stand hier bedenkt. Keine computergesteuerten
Herde und nichts war angebrannt!”
Der Mann schien ein größerer Meister des flachen
Witzes zu sein als er selbst.
Paul sah Rodion kurz nachdenklich an. Wieso war der ihm noch
nicht als möglicher Verbündeter eingefallen? Kontakte
mit ihm liessen sich leicht beruflich motivieren, so dass
Kühnhold und seinen Getreuen nichts auffallen sollte.
Paul hatte ein etwas schlechtes Gewissen wegen seiner eigennützigen
Denkweise, aber eine intensivere Bekanntschaft mit Rodion
könnte ganz unterhaltsam werden. Seine Unterhaltung führte
er jedoch unauffällig weiter.
“Irgendetwas Sinnvolles muss doch zu tun sein.”
“Wir können mal schauen, wie die hier ihre gesamte
Versorgung steuern, das scheint ja hervorragend organisiert
zu sein. Komm, wir gehen mal in die Küche.”
Auf ihrem Weg kamen sie an Brzz vorbei, der sich auch langsam
den Schlaf aus den Augen rieb und sich ihnen anschloss.
In der Küche standen drei Negser, ein Mann und zwei
Frauen. Der Mann war einer der wenigen Negser, der ein deutlich
sichtbares Übergewicht hatte. Er war etwas kleiner als
Paul, etwa 1,80 gross, ausgesprochen breit und trotz des weiten
Gewandes sah man seinen Bauch. Sein Gesicht wirkte derb, aber
er strahlte die typische negser Gelassenheit und Ruhe aus.
Die beiden Frauen hatten dasselbe Alter wie der Mann, knapp
vierzig vielleicht. Die eine Frau war klein und dunkelhaarig,
die andere gross und schlank mit braunen Haaren. Paul und
die anderen verneigten sich kurz, wie sie es bei den Negsern
abgeschaut hatten, und die drei Negser antworteten auf
dieselbe Art. Paul beglückwünschte sich dazu,
dass Brzz sie begleitete, denn die Knn waren wesentlich
sprachbegabter als die Menschen. Brzz fragte, mit viel
Gestik, aber auch schon mit Worten, danach, wie sie ihre Vorräte
lagerten und transportierten, wie sie ihre Wasserversorgung
sicherstellten, was sie mit den Abfällen und dem Abwasser
machten, welche Tiere sie hielten.
Eine muntere Unterhaltung begann, bei der wie durch ein Wunder
trotz intensiven Gebrauchs der Arme nichts zu Bruch ging.
Brzz ergänzte, was die beiden Menschen nicht mitbekamen. |
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| Es gab wahrhaftig zwei Wassersysteme,
nicht sehr umfangreich natürlich, aber ein Brauchwassersystem
für die Wäsche und die Toiletten, ein zweites mit
gründlich gereinigtem Wasser für das Trinkwasser.
Das Abwasser wurde gesammelt und in grossen Rieselfeldern
gereinigt.
Paul schüttelte ungläubig den Kopf.
“Wie haben die das bei ihrer einfachen Technik hinbekommen?
Und wozu?”
“Denen bleibt nichts anderes übrig. Die haben
nur diesen Lebensraum, und der ist ziemlich begrenzt. Der
blanke Überlebenswille zwingt sie zur Vernunft, sagen
sie”, antwortete Brzz. “Die Abfälle kompostieren
sie, alles, was wiederverwertet werden kann wird auch
wiederverwertet. Die haben keine Wahl.”
Paul dachte an die Geschichte der Menschheit. Eine Vernunft
in diesem Sinn gab es erst, seitdem die Technik weit genug
entwickelt war. Das Märchen, dass die sogenannten primitiven
Naturvölker sorgsam mit der Umwelt umgegangen seien,
resultierte wohl weniger aus Einsicht als aus deren beschränkten
Möglichkeiten, die Umwelt schnell und gründlich
zugrundezurichten.
Die frühmittelalterlichen Hochkulturen in Mittelamerika
hatten sich mehrfach dadurch ausgelöscht, dass sie ihre
natürlichen Resourcen ruinierten. Auch die frühen
Staaten im Mittelmeerraum hatten ein grosses Geschick entwickelt,
blühende Landschaften innerhalb kurzer Zeit in eine karstige
Wüste zu verwandeln - man fahre mal nach Kreta. Zu einem
vernünftigen Umgang gehört auch sowas wie ein Verständnis,
und das fehlte den Mayas, Tolmeken und wer da sonst noch so
gelebt hatte. Die schlimmste Zeit für die Umwelt war
aber trotzdem die der aufkommenden Industrialisierung gewesen,
Ausbeutung der Natur ohne Rücksicht und Einsicht. Und
hier? Vernunft in einer vorindustriellen Kultur! Schon erstaunlich;
das würde sicher ein interessanter Gedankenaustausch,
wenn die Kommunikation mal funktionieren würde.
Ein Kind wuselte neugierig um sie herum. Der Mann fing es,
nahm es in den Arm und drückte es lachend an sich. Dann
sprach er wieder ein paar Worte mit Brzz.
“Er will uns die Vorratskammern zeigen”, übersetzte
Brzz. “Ich frage mich, wo die sein könnten, ich
habe bisher nur Wohnhäuser gesehen.”
Sie gingen über den Hof auf die Strasse, zum nächsten
kleinen Platz und dort durch eines der grossen Holztore in
einen Innenhof. Ihr Begleiter, er nannte sich Roguli oder
so ähnlich, begrüsste einen der Leute dort und führte
sie dann zu einer Treppe, die weit nach unten ins Dunkel führte.
Paul merkte, wie Brzz die ohnehin kaum vorhandene Farbe aus
dem Gesicht wich und wandte sich zu ihm.
“Brzz, willst du nicht den anderen sagen, wo wir sind?
Die machen sich sonst Sorgen und suchen nach uns.”
Brzz sah ihn halb unglücklich - er verlor sein Gesicht!
- und halb dankbar - aber eben nicht ganz - an, dann entfernte
er sich, nachdem er mit Roguli gesprochen hatte.
Dieser machte eine kleine Petroleumlampe an, dann ging er
voraus.
Es ging sicher zehn Meter tief ziemlich steil nach unten,
dann durch einen langen dunklen engen und leicht abfallende
Gang; Brzz hätte sicher einen Herzinfarkt erlitten. Ständig
wehte ein leichter Wind, aber schliesslich ging es durch eine
Tür in einen erstaunlich grossen und hellen Raum, fast
eine Halle mit pyramidenförmiger Decke. Das Licht fiel
durch einen Schacht ein, der sicher zwanzig Meter hoch nach
oben führte.
Der Raum war mit Regalen vollgestellt, die wiederum gefüllt
waren mit Säcken, Kisten und Körben.
Roguli zeigte ihnen Hülsenfrüchte, Reis, Getreide
und, Paul wollte seinen Augen kaum trauen, Nudeln. Rodion
sah seine verwunderten Blicke.
“Na ja, hält ewig, das Zeug. Für eine Bevorratung
ideal!”
In einer anderen Ecke hingen einige Schinken, Schweine gab
es auch, wie er schon erfahren hatte. Paul meinte, sogar Käse
auf einigen Regalen zu sehen.
Hier unten war es kühl und trocken, die Lüftung
funktionierte offenbar hervorragend.
Roguli führte sie in einen weiteren, wesentlich kleineren
Raum. Dieser war mit grossen Krügen gefüllt, Saft
vielleicht. Oder Wein?! Paul schöpfte Hoffnung für
ein schönes, beschauliches Leben in Negs.
Sie gingen weiter, endlos, wie es Paul erschien. Ein weniger
feiner Duft erfüllte langsam den Gang. Dann kammen sie
in einen Raum, der die Quelle des Duftes zu sein schien. Roguli
hob einen schweren Holzdeckel hoch.
“Puh”, entfuhr es Paul.
Roguli grinste ihn etwas schadenfroh an, zeigte nach oben
und markierte einen wäschewaschenden, dann einen offensichtlich
stoffwechselnden Menschen. Hier also war die Fäkalienabfuhr!
Das Abwasser lief durch einen Gang, der zwei Meter hoch und
einen knappen Meter breit war. Das war gross genug, um im
Notfall auch mal Wartungsarbeiten durchzuführen, allerdings
fragte er sich, wer das machen musste. |
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Aber fortschrittlich wie in einer
modernen Grossstadt, das System, das musste man sagen. Eine
Stadt unter der Stadt! Paul sah sich die Wände an. Der
Sandstein war ziemlich weich, aber es musste trotzdem eine
endlose Arbeit gewesen sein, dieses System für die ganze
Stadt zu bauen. Welch eine Ingenieurleistung!
“Die Römer hatten ähnliches”, meinte
Rodion, der Pauls Staunen bemerkte. “Aber es überrascht
mich, dass die das in einer solch abgeschlossenen Kultur mit
dieser einfachen Technik hingekriegt und organisiert haben.
Hier ist alles so wohlorganisiert, und das bei den geringen
Humanresourcen! Hier wohnt kaum einer, wer macht das alles,
wer hat sich das alles ausgedacht? Technisch mögen die
ja spätes Mittelalter sein, aber die Organisation ist
modern wie unsere.”
Wenige Minuten später standen sie wieder am Tageslicht
und wurden schon von Brzz empfangen.
“Die anderen warten schon auf euch, wir wollen zurück.”
Sie verabschiedeten sich freundlich von ihrem negser Begleiter,
dann marschierten sie durch die jetzt etwas belebteren Gassen
zu dem Tor, durch das sie in die Stadt gekommen waren.
Kado wartete dort auf sie.
“Ihr Schlafmützen, habt ihr so lange gepennt?”
Rodion gab einen von ihrem Ausflug in die Unterwelt von Negs,
der Kado mehrfach zu einem erstaunten Kopfschütteln
veranlasste.
“Man wundert sich über diese Leute, diese Organisation!”,
meinte er nur erstaunt.
Sie eilten hinter den anderen her, die allerdings noch nicht
sehr weit gekommen waren.
Die Negser hatten angeboten, ein wenig zusammenzurücken,
damit die Knn und die Menschen nach und nach vom Wald in die
Stadt umziehen könnten.
Die nächsten Tage waren sie also damit beschäftigt,
ihren Umzug vorzubereiten.
In Negs gab es einen Stadtteil, der nur noch von einer kleinen
Familie bewohnt war, er würde Platz für vielleicht
hundertfünfzig oder zweihundert Personen bieten.
Ein Teil der Leute war also damit beschäftigt, den kleinen
Häuserblock zu renovieren, den ehemaligen Bewohnern beim
Umzug zu helfen und die Häuser auf Erweiterungsmöglichkeiten
hin zu untersuchen.
Ein weiterer Teil sah sich die Anbaugebiete am Fluss an,
um Möglichkeiten für Neulandgewinnung auszuloten.
Der letzte Teil der Gruppe trug die Habseligkeiten im Wald
zusammen, auch eine letzte Expedition zu ihrer Rettungskapsel
in der Wüste wurde organisiert, um eventuell noch brauchbares
Material zu bergen.
Zwei Wochen später war es dann soweit: fast dreihundert
Knn und Menschen zogen nach Negs, knappe hundert zogen an
den Fluss und die restlichen hundert mussten zunächst
im Wald bleiben. Die Restmannschaft im Wald bestand nur aus
Menschen. Die Knn zogen es nach einigen ernsthaften Erkrankungen
vor, in dem ihnen genehmeren trockenen Wüstenklima in
der Stadt zu wohnen.
Die Gruppen im Wald und am Fluss sollten mit Hochdruck daran
arbeiten, zusätzliche Anbaugebiete für Nahrungsmittel
zu finden und vorzubereiten, während die Gruppe in der
Stadt die Kommunikation mit den Negsern vorantreiben sollten.
Ausserdem suchten sie nach Möglichkeiten, sich in den
Produktionsprozessen der negser Industrie umzusehen und dort
nach Arbeitsmöglichkeiten zu suchen.
Paul war im Wald geblieben und erforschte mit William und
Jane die Umgebung ihres kleinen Dorfes.
Viel besonderes war eigentlich nicht zu erkennen, ein Wald
eben. Die Bäume ähnelten stark denen auf der Erde
und wuchsen auf ähnlichen Standorten. Je tiefer sie in
den Wald eindrangen, desto feuchter wurde der Boden, wohl
weil das Terrain fast unmerklich abfiel.
Irgendwo tief im Wald fiel Paul eine Stelle auf, gut einhundert
Meter im Quadrat, auf der völlig unmotiviert nur kleiner
Sträucher wuchsen, während ringsum die Weiden, Buchen
und Erlen 20, 30 Meter hoch wuchsen. Er versuchte sich die
Stelle zu merken und wollte später noch einmal genauer
nachsehen, allein. |
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Die Wochen gingen ins Land, im Wald
wurden einige weitere Lichtungen gerodet. In der Stadt wurde
weiter renoviert und ausgebaut und am Fluss kam man zu der
Überzeugung, dass es nicht sehr viele Möglichkeiten
gab, die Anbaufläche zu erweitern. Den Negsern wurden
einige ihrer Tiere abgeschwätzt, mit denen diese
Gruppe dann zum Wald kam und dort mitarbeitete.
Die Rodungen machten Fortschritte, die gefällten Bäume
wurden zum Bau neuer Hütten verwendet, Stallungen für
die Riesenkühe, die Schweine und das Federvieh wurde
angelegt und auf den frischen Feldern konnte dank des ständig
warmen Klimas Getreide gesät, Kartoffeln und Gemüse
gesetzt werden.
Mona war natürlich stets im Einsatz, um ihr Fachwissen
unters Volk zu bringen, aber des nachts kamen sie trotz ihrer
Erschöpfung dazu, sich gegenseitig aufzurichten und Mut
zuzusprechen.
Alle gewöhnten sich an den immer gleichen Tagesrhythmus,
der aus Schlafen, Arbeit und Essen bestand. Die Kontakte nach
Negs waren relativ beschränkt, täglich wurde einmal
ein Bote hin und her geschickt, gelegentlich blieben einige
Leute aus dem Wald auch länger in der Stadt.
Paul war auch drei oder viermal für zwei Tage in der
Stadt, um etwas mehr über die Technologie der Negser
zu erfahren. Meist waren Rodion und William dabei. Die Verständigung
machte schnelle Fortschritte, vor allem William war in Bezug
auf Linguistik nicht nur Theoretiker.
In Negs hatten sie es meist mit Roguli zu tun, der ihnen
mit seiner ruhigen, freundlichen Art regelrecht ans Herz wuchs.
Oft plauderten Sie abends fröhlich mit ihm, seiner Frau
Eld und seinen zwei Kindern beim gemeinsamen Essen.
Immer wieder faszinierte die Menschen die perfekte Organisation
der lebensnotwendigen Dinge wie Landwirtschaft, Wasser, Entsorgung.
“Wie die gute alte Zeit auf der Erde, die es in Wirklichkeit
nie gab, von der aber immer wieder ein paar Phantasten schwafeln”,
sagte William irgendwann einmal grinsend.
Einmal gesellte sich auch Herg zu ihnen, ein kleiner, freundlicher
Mann, der ihnen ein paar Dinge zur Verwaltung von Negs erzählte.
Bei der Staatsform schien es sich um eine Technokratie zu
handeln, ob sie von der Bevölkerung geduldet oder gewollt
und kontrolliert wurde, das konnten sie nicht so recht herausfinden.
Auch über die Konfliktlösungsstrategien in Negs
schwiegen sich die Bewohner aus.
Im Dorf gingen derweil die Monate friedlich ins Land. Doch
eines schönen Freitag morgens, sie hatten gerade das
Frühstück beendet, wurde es unruhig, Rufe ertönten
vom Waldrand, dann kam eine ganze Gruppe Menschen, Paul erkannte
Kühnhold, Hermfried und Jonas. Sie wirkten gehetzt, aufgeregt,
einige schienen verletzt zu sein. |
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| Schnell hatte sich ein kleiner Menschenauflauf
gebildet. “Wir sind aus Negs vertrieben worden”,
fing Kühnhold an.
Wild durcheinander fragten alle “Wieso?” –
“Von wem?” – “Was ist passiert?”
Kühnhold brachte die Leute mit einer weiten Geste zum
Schweigen.
“Sie haben sich die Häuser renovieren lassen,
dann haben sie einen Vorwand gefunden, uns rauszuwerfen. So
ist die Gastfreundschaft von Negs. Aber wir werden uns das
nicht gefallen lassen! Wir kehren zurück!”
Zustimmende Rufe wurden laut.
“Bravo, Kühnhold!” – “Wir sind
dabei!”
Paul verdarb die kämpferische Stimmung mit einer kleinen
Zwischenfrage.
“Welchen Vorwand haben die denn gefunden?”
Kühnhold antwortete ausweichend.
“Es gab zarte Bande zwischen zwei unserer Leute und
zwei Mädchen aus Negs und das haben einige von denen
offensichtlich nicht vertragen.”
Paul fasste sich an den Kopf.
“Haben da welche ihren Hormonhaushalt nicht unter Kontrolle
gehabt? Und damit setzen die unsere Existenz aufs Spiel? Kann
man da nicht mal erst abwarten, bis man die Sitten der Gastgeber
genauer kennt?”
“Unsere Sitten zählen von jetzt an. Diese Wilden
haben sich uns anzupassen, basta!”
Fing der schon wieder mit dem Unsinn von den Wilden an!
“Du spinnst doch, die Unterhaltung hatten wir doch
schon mal. Welche Idioten haben uns das denn eingebrockt?”
Neben ihm erhob sich Jonas, dann auch Manfred von Stein,
ein weiteres Mitglied der KRAFT-Sicherheitsstaffel.
“Bringt ihn für eine Weile zum Schweigen”,
wies Kühnhold sie an.
Paul brach der kalte Schweiss aus.
“Was soll das?”, fragte er etwas blass, aber
die beiden bewegten sich weiter auf ihn zu.
“Einer reicht, es soll doch nicht unfair sein”,
meinte Kühnhold herablassend.
Der Schweiss wurde etwas weniger kalt; Jonas hielt weiter
auf ihn zu. Paul hatte ihn schon mehrfach beobachtet und wusste,
dass er sehr gern mit kreisförmigen Fusstritten gegen
den Kopf arbeitete. Der Angriff kam, allerdings mit der Faust
gegen die Kinnspitze. Die Faust streifte seinen Kopf, da er
sich ein wenig aus der Angriffsrichtung bewegt hatte. Im Vorbeigehen
fing sich Jonas dafür einen heftigen Hieb mit dem Ellenbogen
in die kurzen Rippen ein, der ihm die Luft nahm.
Mittlerweile hatte in der Menge lautes, unwilliges Gemurmel
eingesetzt. Manfred sah Kühnhold an, der winkte mit einer
heftigen Bewegung ab.
“Lassen wir das, dazu ist noch Zeit.”
Jonas ging mit ein paar von Kühnholds Leuten weg und
die Menge zerstreute sich langsam.
Paul sah sich auf dem Platz um, ihm war unbehaglich zumute.
Er fasste sich an sein Kinn, Blut lief herab, Jonas hatte
einen Schlagring benutzt. Langsam schlenderte er nach Hause.
Er trat ein und wurde unvermittelt von einem Schlag gegen
sein Ohr getroffen. Er taumelte zur Seite, wo ihn ein zweiter
Schlag traf, diesmal gegen das Kinn. Ihm wurde schwarz vor
Augen, er ging zu Boden. Die Tritte gegen seinen Bauch und
ins Gesicht bekam er nur noch halb mit, er krümmte sich
zusammen, um wenigstens die schlimmsten Tritte abzuwehren.
Er merkte noch, wie ein paar kräftige Hände ihn
aufnahmen und nach draussen schafften. Paul wähnte schon
sein letztes Stündchen geschlagen, dann wurde er ins
Gebüsch geworfen.
“... nicht noch einmal Kühnhold beleidigen ...
- die KRAFT ist stärker ...” hörte er noch,
dann verlor er für einige Zeit das Bewusstsein. |
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| Als er wieder aufwachte, taten ihm alle
Knochen weh. Vorsichtig bewegte er sich, aber es war nichts
gebrochen und auch die Sehnen waren noch ganz. Er schmeckte
Blut, seine Lippen waren dick. Auf dem linken Ohr hörte
er fast nichts, er blutete aus der Nase und das Atmen fiel ihm
schwer, eine Folge der Tritte in den Leib.
Er lag ein paar Schritte neben dem Weg, schon ausserhalb
des Dorfes. Jemand ging den Weg entlang, aber er entdeckte
ihn nicht.
Langsam fand sich auch der ein oder andere klare Gedanke
wieder in seinem Kopf ein. Er wollte schon aufstehen, um Mona
aufzusuchen, aber dann erinnerte er sich, wie er aus den Augenwinkeln
gesehen hatte, dass sie der Aktion ungerührt zugesehen
hatte. Offenbar war die Jagd auf ihn jetzt freigegeben.
Er wunderte sich aber, dass man ihn nicht sofort erschlagen
hatte, die Gelegenheit war doch günstig gewesen. Unglücklicherweise
hatte er keinen der Angreifer erkannt, aber vielleicht hatten
da ein paar Heisssporne ohne Weisung von oben, also von Kühnhold,
auf ihn eingeschlagen, um ihn einzuschüchtern. Das zumindest
hatten sie erreicht, denn er war wirklich eingeschüchtert.
Oder auch nicht! Er war sicher, dass er hier im Dorf keinen
Tag mehr leben würde. Mindestens die Hälfte der
Menschen waren gläubige Anhänger der KRAFT, der
Rest war mittlerweile durch das aggressive Auftreten
der Gruppe um Kühnhold sehr zurückhaltend mit abweichenden
Meinungen. Es ging sogar das Gerücht, dass Morten, einer
der wenigen entschiedenen Kritiker, verschwunden war,
und zwar endgültig. Seitdem war es noch ruhiger geworden.
Paul hatte dessen Schicksal nicht verfolgt, weil er keinen
Kontakt mit diesem Mitglied des Diplomatischen Corps gehabt
hatte, jetzt schalt er sich dafür zum wiederholten mal
einen einfältigen Trottel. Da war ein Terrorregime am
Werk, das nach den selben Grundsätzen funktionierte wie
das von Stalin oder Hitler. Eine Gruppe muss nur geschlossen
und rabiat genug auftreten, dann kann sie sogar eine Mehrheit
unterdrücken.
Also, schlussfolgerte Paul, er war eigentlich schon tot,
nur sein Herz schlug noch. Er könnte fliehen, vielleicht,
nur wohin? Die Negser würden ihn mit offenen Armen empfangen,
nach den Vorfällen der letzten Tage. Die Knn? Die machten
womöglich auch kurzen Prozess mit ihm, wer wusste das
schon?
Ein Raumschiff kapern, das wars! Nur, welches?
Vielleicht sollte er William aufsuchen, oder Rodion. Den
Gedanken verwarf er allerdings schnell wieder, sonst gäbe
es ein paar Leichen mehr. Kühnhold und seine Leute würden
sicher mit einem Grossreinemachen beginnen.
Es war klar, er musste aus dem Dorf verschwinden, aber wohin?
Er beschloss, sich noch etwas auszuruhen, um sich dann im
Schutz der Dunkelheit davonzumachen. Er robbte leise unter
einen Busch, rollte sich zusammen und schlief wieder ein.
Es war stockfinster, als er wieder aufwachte, nur im Dorf
brannten weit entfernt ein paar Laternen. Paul erhob sich,
es ging ihm schon ein wenig besser. Er lauschte einige Zeit
in die Dunkelheit, dann ging er zum Weg. Die Nacht war sternenklar,
wie er durch einige kleine Lücken im Laubdach erpähen
konnte, und seine Augen hatten sich längst so weit an
die Dunkelheit gewöhnt, dass er sich problemlos fortbewegen
konnte. Er erinnerte sich an die eigenartige Stelle im Wald,
auf der nur Sträucher wuchsen, dort wollte er zuerst
hin. Er hatte sich entschlossen, das Risiko auf sich zu nehmen
und in die Stadt zurückzukehren. Er hoffte, dort zumindest
humaner umgebracht zu werden als hier von Kühnholds Leuten.
Die Luft roch wie immer hier im tiefen Wald nach frischer
Erde, Blüten, Pilzen. Er sog die Luft ein, sein Lebensmut
wuchs wieder. Er kam auf dem schmalen Trampelpfad gut voran,
links und rechts hörte er immer wieder ein Rascheln und
Knacken, aber er redete sich ein, keine Angst zu haben. Diese
Stelle im Wald, die ihn so interessierte, war vielleicht zehn,
vielleicht auch fünfzehn Kilometer entfernt, und er würde
sicher drei oder vier Stunden unterwegs sein. Er war vielleicht
eine Stunde unterwegs und wollte gerade anfangen, systematisch
über seine Situation nachzudenken, als er glaubte, ein
gutes Stück hinter sich Stimmen zu hören.
Er blieb stehen und lauschte konzentriert. In der Tat, er
wurde verfolgt! Wie konnte er auch so blöde sein und
glauben, dass man ihn einfach laufen liesse. Es mussten mehrere
Leute sein - oder einer, der Selbstgespräche führte.
Paul ging an einer dichten Brombeerhecke vorbei, dann legte
er sich hinter sie und wartete, wer erscheinen würde.
Es dauerte vielleicht zwei Minuten, dann sah er zwei Gestalten
auf dem schmalen Weg auftauchen. Als sie näherkamen,
erkannte er Rodion und William. Schon wollte er erfreut aufspringen,
aber dann wartete er ab. Wenn die ihm nachgingen, konnte wiederum
jemand anderes sie verfolgen.
Eine weitere Minute verging, dann tauchte eine weitere Person
auf dem Weg auf, diesmal war es Manfred, der hinter den beiden
herhetzte.
Paul pries seine Weisheit, einmal war er nicht naiv gewesen.
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Manfred schien sehr in Eile zu sein,
offenbar wollte er die beiden anderen einholen. Schnell, aber
leise erhob sich Paul und ging nun hinter Manfred her. Er
blieb gelegentlich stehen, um nach vorn zu lauschen. Einige
Male hörte er Manfred marschieren, auch Rodion und William
waren weiter entfernt zu hören, wenn sie sich wieder
einmal unterhielten.
Dann hörte er auf einmal einen erschreckten Schrei -
Rodion? - und eine erregte Unterhaltung begann. Als er näher
kam, konnte er auch einige Worte verstehen.
“Ihr seid hinter Paul her, stimmts?”, fragte
Manfred im Ton eines Verhörs.
“Hat Kühnhold dich hinter uns hergeschickt?”,
fragte ein höbar verunsicherter William. “Musstest
du uns so erschrecken?”
“Ich habe euch im Wald verschwinden sehen und bin direkt
hinter euch her, aber Kühnhold wird es früh genug
erfahren, verlasst euch drauf. Und dann solltet ihr eine vernünftigere
Erklärung vortragen als mir eben.”
“Du glaubst uns nicht, wie?” Rodion war das.
Manfred winkte nur verächtlich ab.
“Ihr kommt jetzt mit. Nach diesem Arsch suchen wir
morgen, wir wissen ja jetzt wo, vielen Dank. Mit dem ist es
dann auch vorbei.”
“Du hast uns keine Befehle zu erteilen”, meinte
William und wollte sich schon wegdrehen.
Manfred packte ihn am Arm und drehte ihn auf den Rücken.
“Halt das Maul, sonst mach ich dich gleich hier fertig
und deinen Freund hier mit!”
“Manfred, lass uns doch miteinander reden”, sprach
Rodion fast flehentlich und sah Manfred ängtlich an.
“Wir wollten nichts von Paul, der interessiert uns nicht.”
“Du Blödmann und Hanswurst”, raunzte Manfred
ihn an. “Was wolltet ihr denn hier im Wald? Habt ihr
euch so lieb?”
Paul hatte sich der Gruppe mittlerweile unbemerkt genähert.
Dann stürzte er mit einem lauten Brüllen auf Manfred
zu.
Der schaute sich erschrocken um, aber Rodion hatte ihn schon
einen Moment früher entdeckt.
Er schien nur auf eine solche Gelegenheit gewartet zu haben.
Geschmeidig huschte er seitlich auf Manfred zu und schoss
einen Hagel kurzer und extrem schneller Fausthiebe gegen sein
Ohr und seinen Hals ab. Nur Rodions Fäuste schienen sich
zu bewegen, sechs, vielleicht sogar achtmal pro Sekunde trafen
sie Manfred. Der taumelte, dann fiel er benommen zu Boden.
Rodion liess sich mit aller Kraft auf ihn fallen, wobei er
ihm seinen Ellenbogen in den Hals rammte.
William stöhnte kurz auf, Manfred hatte wohl seinen
Arm noch einmal verdreht, als er zu Boden ging.
“Das war ein Auftritt im genau passenden Moment, Paul”,
begrüsste ihn ein zufrieden aussehender Rodion. “Auf
eine solche Ablenkung hatte ich gehofft.”
Er beugte sich über Manfred, um seinen Zustand zu überprüfen.
Zufrieden erhob er sich.
“Requiescat in pacem”, meinte er dann sarkastisch.
“Der ist fertig, der kann weg.”
Er sah zu Paul herüber.
“Du warst doch vor uns, wieso kamst du jetzt von hinten?”
Paul fand langsam seine Fassung wieder.
“Ihr habt einfach zu laut geschwätzt. Ich habe
euch gehört, vorbeigehen lassen und dann noch ein wenig
gewartet. So habe ich auch Manfred gesehen und bin dann euch
allen gefolgt.” Er zögerte ein wenig. “Man
entdeckt ja noch richtige Talente an dir, Rodion. Erst spielst
du den Ängstlichen, dann bettest du ihn ganz cool auf
ewig.”
Rodion setzte sich auf einen umgestürzten Baum und wirkte
nicht mehr ganz so cool.
“Ich glaube, ich hatte keine andere Möglichkeit,
der hätte doch alles weitergeplappert. Und lieber ein
toter Manfred als ein toter William, Paul, Rodion und wer
weiss noch.”
William wirkte noch etwas verwirrt und sah zu Manfred runter.
“Das gibt Ärger! Der wird alles Kühnhold
erzählen!”
“Aber aus dem Jenseits, der hats hinter sich!”,
meinte Paul böse grinsend.
William schaute mit einer Mischung aus Abscheu und Wut auf
Manfred, als er endlich begriffen hatte, dass er tot war.
Paul holte ihn aus seinen Gedanken.
“Kommt, wir ziehen ihn in den Wald, ich kümmere
mich gelegentlich um eine würdevolle Bestattung.”
Nach kurzem Zögern packten alle mit an. Sie trugen ihn
hundert Meter weit in den Wald und deckten ihn mit ein paar
Zweigen ab.
Rodion und William erzählten dann, dass einer von Rodions
Mitarbeitern gesehen hatte, wie er in den Wald geworfen worden
war. Rodion hatte daraufhin mit William Kontakt aufgenommen
und sie hatten ihn dann beobachtet, als er im Wald verschwand.
“Wir hatten schon einen Rucksack mit ein paar Sachen
fertiggemacht und sind dann hinter dir her”, schloss
William den kurzen Bericht ab und überreichte ihm die
zusammengepackten Vorräte.
Paul nahm sie dankbar entgegen.
“Jungs, ihr riskiert Kopf und Kragen für mich.”
Er fand eine Wärmedecke, ein wenig Kleidung, Medikamente,
Schokolade, Müsli, ein Kombiwerkzeug, Kompass und noch
weitere nützliche Dinge.
“Das Kombiwerkzeug ist gut! Ich werde den Kerl damit
einbuddeln und die Stelle dann tarnen. Irgendwann werden die
anfangen, ihn zu suchen. Ihr müsst zurück, bevor
man euch vermisst.”
“Und du?”, fragte Rodion.
“Ich versuche, Negs zu erreichen. Vorher untersuche
ich aber im Wald noch eine Stelle, die mir eigenartig erscheint.”
Sie fragten nicht, was er damit meinte, weil sie es offenbar
nicht wichtig fanden. Die drei verabschiedeten sich herzlich
voneinander.
“Ich hoffe nur, dass wir uns wiedersehen”, sagte
Rodion.
Paul nickte und zuckte mit den Schultern. Dann umarmte er
die beiden anderen und dankte ihnen noch einmal für ihre
Hilfe.
Sie gingen Richtung Dorf davon, er sah ihnen nach. Irgendwo
rief ein Vogel in die Nacht, dann verschmolzen ihre Silhouetten
mit der Dunkelheit des Waldes. |
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