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| Kontakt |
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| Paul wühlte sich müde aus
seinem Schlafsack, als es langsam hell wurde im Wald. Er erhob
sich vom weichen Lager aus Laub und ging aus der Hütte.
Irgendetwas Eichelhäherartiges veranstaltete wie an jedem
Morgen einen entsetzlichen Lärm. Für diese empfindsame
Kreatur mochte es Gesang sein, aber ihm war es in den letzten
Wochen zunehmend schwer gefallen, ruhig dabei zuzuhören.
“Ein Königreich für eine Schrotflinte, das
wäre ein lauter Knall und dann Ruhe”, murmelte
er vor sich hin.
Um ihn herum werkelten aber schon die ersten emsigen Mitbewohner
ihres bescheidenen Heimes im Wald. In der Waldkantine
bereiteten ein paar Leute das Frühstück vor. Es
bestand aus einer berstend gesunden Mischung mit Rohkostsalaten,
mit Früchten, die wie eine Kreuzung aus Brombeeren und
Himbeeren aussahen und noch besser schmeckten, sowie einer
Art Brot aus den Samen einer hier wachsenden Grasart. Nichts
für einen Liebhaber des typischen englischen Frühstücks,
aber es schmeckte ordentlich und lag nicht so schwer im Magen.
Nach der Serie von Pech hatten sie schließlich hier
auf Terkan Glück gehabt; sie waren tatsächlich in
dem Wald gelandet, in dem die Knn schon einmal gewesen waren.
Die hatten damals zwar den Planeten ziemlich schnell wieder
verlassen, aber den Wald immerhin soweit untersucht, dass
sie genug Essbares fanden.
Man hatte das Werkzeug aus der Rettungseinheit in den Wald
transportiert und mit dem Bau einfacher Hütten begonnen.
An einer lichteren Stelle im Wald wurde fleissig gerodet,
das erste Saatgut aus der Rettungseinheit war bereits aufgegangen.
Das Überleben schien fürs erste gesichert.
Heute war jedoch ein besonderer Tag, der Kontakt mit der
Stadt sollte aufgenommen werden.
Eine Stunde nach dem gemeinsamen Frühstück befand
sich eine Delegation aus 40 Personen auf dem Weg in die Stadt.
Man hatte beschlossen, ganz offen auf die Stadt zuzugehen,
damit die Bewohnern nicht das Gefühl bekamen, sie würden
überfallen.
In der Delegation befanden sich nur wenige Militärs,
Kado und Andra von der Erde waren dabei, Oggrd und Brzz als
erfahrene Kontakter von Knn ebenfalls. Kühnhold hatte
sich auch aufgedrängt, als religiöses Oberhaupt
der irdischen Expedition. Den Rest bildeten Diplomaten, Anthropologen,
Linguisten und einigen Generalisten aus dem Bereich Naturwissenschaft
und Technik, die sich über die Fähigkeiten der Stadtbewohner
einen Eindruck verschaffen sollten. So waren auch Paul und
William in die Delegation aufgenommen worden.
“Endlich erwische ich Dich mal ohne Deine Frau,”
scherzte Paul.
William runzelte die Stirn.
“Die ist Dir wirklich böse wegen Deines Flirts
mit Mona.”
“Na ja, ich bin auch nicht stolz drauf, aber ich denke,
mittlerweile ist das sowieso egal. Meinst du, die wird
mir mal verzeihen?”
William zuckte mit den Schultern.
“Ich hoffe nur, dass ich den Versuchungen jeglichen
Fleisches widerstehe, sonst gibts Mord und Totschlag.”
Paul grinste schwach und lenkte das Gespräch auf Wichtigeres.
“Was ist eigentlich genau bei euren Analysen der Sprache
der Stadtbewohner herausgekommen?”
William wiegte den Kopf hin und her.
“Nicht viel. Das ist ein Singsang, mit dem wir nichts
anfangen können, nicht mal die so sprachgewandten Knn.
Es hört sich nicht mal sehr fremdartig an, aber ohne
vernünftige technische Hilfsmittel sind wir auf
den direkten Kontakt angewiesen, um mehr herauszubekommen.
Die Knn hatten bei der Annäherung an die Erde die Möglichkeit,
den gesamten elektronischen Informationsaustausch abzuzapfen,
inklusive Fernsehen und Netz. Da haben die sich dann mit ihren
leistungsfähigen Analyseprogrammen genug zusammenreimen
können, um sogar mit uns zu sprechen. Aber hier stehen
wir zunächst mal ziemlich blöd da. Unsere zwei Wanzen,
die wir am Rand der Stadt angebracht hatten, haben uns nicht
viel geholfen.”
Viel war von ihrer technischen Ausrüstung in der Tat
nicht geblieben. Sie hatten eine Miniabhöranlage installiert,
die sie aus ein paar Sprechfunkgeräten zusammengebastelt
hatten; genutzt hatte es allerdings nicht viel. |
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| Kado gesellte sich zu ihnen.
“Na, aufgeregt?”
“Dazu ist das viel zu spannend,” meinte William.
“Meinst du eigentlich, die glauben eure Räuberpistole
von den Menschen aus dem hohen Norden?”
“Unser Vorteil ist doch, dass wir uns zuerst mal nicht
verständigen können. Wenn wir dann im Lauf der Kommunikation
feststellen, dass die uns eine solche Geschichte nicht glauben
werden, können wir noch umdisponieren. Deshalb will Kühnhold
auch das Wort führen.” Leise fügte er hinzu:
“Ausgerechnet der.”
“Was ist mit meinem Einwand?”, wollte William
wissen. “Was, wenn alle auf diesem Planeten dieselbe
Sprache sprechen?”
“Du hast ja selbst gesagt, dass sowas sehr unwahrscheinlich
wäre, schliesslich ist hier alles sehr weit auseinander
und der kulturelle Austausch sehr gering. Da entwickelt sich
die Sprache schnell auseinander, selbst wenn ursprünglich
mal eine Sprache da war. Deine eigenen Worte!”
“Ich weiss, Kado. Aber abgeschlossene Volksgruppen
konservieren ihre Sprache möglicherweise auch sehr lange;
denk an die Deutschen in Russland. Und dann?”
Kado zupfte sich am Ohrläppchen.
“Wir müssen dann die Geschichte von den mönchischen
Bewohnern einer abgelegenen Region so ausschmücken, dass
es uns verboten war, mit anderen in Kontakt zu treten, ein
religiöses Tabu über tausende von Jahren, das dann
wegen einer ökologischen Katastrophe gebrochen werden
musste. Das ist dann Kühnholds Problem, eine stimmige
Geschichte draus zu basteln. Hoffentlich verbockt der das
nicht.”
Mittlerweile waren sie der Stadt so nahe gekommen, dass sie
die ersten Einzelheiten erkennen konnten. Zwei Knn hatten
das Abhörgerät am Rand der Stadt installiert und
dann berichtet, dass die Aussenseite der Stadt wie eine Stadtmauer
aussah, allerdings mit einer Reihe von Fenstern. Einen Eingang
hatten sie nicht gefunden.
Auch jetzt, bei Tageslicht, war kein Stadttor zu erkennen.
Vielleicht hatten sie sich von der falschen Seite genähert,
irgendwie musste man ja in die Stadt hineinkommen. Eine Befestigung
konnte es eigentlich nicht sein, dazu waren zuviele Fenster
in der Mauer, aber abweisend und bedrohlich festungsartig
wirkte die Stadt dennoch. |
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Sie waren vielleicht noch einen Kilometer
von der Stadt entfernt, als sie offensichtlich bemerkt wurden.
Auf den flachen Dächern der äusseren Häuser
tauchten Gestalten auf, etwas genaueres konnte man jedoch
nicht erkennen. Im Näherkommen sah man eine gewisse Ordnung
in der Menschenmenge auf dem Dach; es mochten hundert, vielleicht
zweihundert Leute sein, die sich über eine Breite von
einigen hundert Metern auf dem Dach verteilt hatten. Erst
als sie zwanzig Meter von der Stadtmauer entfernt waren, ertönte
vom Dach des zweistöckigen Hauses vor ihnen ein kurzer,
lauter Ruf.
Sie hielten an.
“Wir kommen in Frieden, die KRAFT sei mit euch,”
rief Kühnhold zurück, wobei er die Arme weit ausstreckte
und dann im typischen weiten Bogen zur Stirn führte.
Beeindruckend wie Willi Wutz vom Hintertupfinger Bauerntheater,
dachte Paul. Toll, das!
Auf dem Dach herrschte kurz Ruhe, dann rief eine andere Stimme
etwas herunter. Die Worte hatten einen anderen Klang.
“Anscheinend gibt es verschiedene Sprachen,”
sagte William halblaut zu Kühnhold. “Wir haben
Glück.”
Kado sah den neben ihm stehenden Rodion Gatillaun an und
nickte ihm zu.
Der rief auf Russisch ein paar Grussworte hoch, die natürlich
ebensowenig verstanden wurden; aber so konnte das interessante
Gespräch vielleicht in Gang gehalten werden.
In der Tat trat oben wieder jemand an den Rand des Daches
und rief einige Worte hinunter. Kühnhold antwortete diesmal
wieder.
Dieses Spiel lief noch einige Male ab; jedesmal schienen
die Stadtbewohner eine andere Sprache auszuprobieren, stets
vergebens, natürlich.
Schliesslich machte sich Ratlosigkeit unter den Stadtbewohnern
breit. Ein weisshaariger Mann trat nach vorn, sah mit gerunzelter
Stirn zu ihnen herunter und trat dann wieder zurück.
Einige Zeit tat sich nichts, man hörte nur eine ruhige
Unterhaltung zwischen drei oder vier Personen, während
sie von einigen Dutzend Bewohnern beobachtet wurden. Dann
trat wieder der weisshaarige Mann an den Rand des Daches und
wies nach rechts.
Sie mussten mehr als einen Kilometer zurücklegen, immer
begleitet von der kleinen Armee auf den Dächern. Endlich
erreichten sie eine Tür in der Stadtmauer; eine Tür,
mehr nicht, gerade gross genug, um einen Mann in die Stadt
zu lassen.
Von innen hörte man ein Rumpeln, dann schwang die Tür
nach aussen auf. Ein niedriger, enger, dunkler Gang war zu
erkennen. Ein Stadtbewohner winkte ihnen, einzutreten. |
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Die Delegationsteilnehmer sahen sich
verunsichert an, dann schritt Andra mit einem spöttischen
Grinsen als erste durch die Tür. Kühnhold folgte
leicht verärgert; eine Frau, vor ihm! Die anderen folgten,
und irgendwann ging dann auch Paul durch diesen Gang. Er war
etwa zehn Meter lang, vielleicht gerade so lang wie die Breite
der Häuser hier. Das war nichts für Klaustrophobiker,
Kado hätte nicht breiter und er nicht grösser sein
dürfen. Vor einigen Jahren war er einmal in einem mittelalterlichen
Siegerländer Bergwerk gewesen; so etwa fühlte er
sich hier, aber der Gang damals war wenigstens beleuchtet.
Als Rodion Gatullain, der vor ihm ging, den Gang verliess,
wurde es hell.
Er endete in einer Gasse, vielleicht fünf, sechs Meter
breit, gesäumt von einer Front aus weissen, zweistöckigen
Häusern mit flachen Dächern, deren Ränder von
der Sonne dramatisch beleuchtet wurden. Paul erinnerte sich
an einen Besuch in Südfrankreich, Uzès - oder
war es Arles gewesen? - wo das Strassenbild eine ähnliche
Mischung aus Melancholie und Sehnsucht nach einer fernen Vergangenheit
hervorrief.
Kurz stand vor seinen Augen wieder das Bild seiner Frau und
seiner drei Kinder, aber die Ereignisse um ihn herum waren
doch zu neu, als dass er zu lange diesen Erinnerungen nachhängen
konnte.
Sie wurden von etwa zwanzig Stadtbewohnern empfangen,
der grösste Teil der Leute befand sich weiter auf den
Dächern.
Er sah sich um und bemerkte, dass die Knn, die sie begleitet
hatten, nicht zu sehen waren. Er fragte kurz, wo sie seien,
aber keiner hatte sie gesehen. Ihm fiel ein, dass sie noch
hinter ihm waren, als er durch die Tür in die Stadt ging,
also sah er in den Gang. Der Gang war gerade, so konnte er
sehen, dass sie offenbar noch unentschlossen davorstanden.
Er ging zurück. Als er wieder draussen stand, konnte
er die Verunsicherung in ihren Augen sehen.
“Wieso kommt ihr nicht?”, fragte er.
Hrrg, der Biologe, antwortete ihm.
“Wir lieben keine engen Gänge. Um es genau zu
sagen, wir hassen sie! Das ist genetisch bedingt.”
Paul war verwundert. Sollten diese disziplinierten Soldaten
Angst haben, den zwar engen, aber doch nicht sehr langen Gang
zu durchqueren? Ihm fiel ein, dass auf der SUN JESTER die
Gänge stets so hell erleuchtet waren, dass es ihn schon
gestört hatte. Sogar die niedrigen Räume der Rettungsfähre
war hell erleuchtet gewesen. Das schien so eine Art kollektiver
Klaustrophobie, Abteilung dunkle enge Gänge zu sein.
Er schüttelte den Kopf, dann versuchte er auf die plumpe
Art, eine andere Marotte der Knn auszunutzen.
“Ich kann das verstehen, mir gefallen solche Gänge
auch nicht. Aber wir dürfen jetzt nicht das Gesicht vor
den Stadtbewohnern verlieren und der Gang ist nur zehn Meter
lang.”
Ein Ruck ging durch die Knn. Paul meinte, ihre Gesichtsfarbe
wurde etwas heller, dann stürmten sie regelrecht in Todesverachtung
durch den Gang. Er zuckte mit den Schultern, grinste, dann
folgte er ihnen gemächlich.
Obwohl er sich nur kurze Zeit von der Strasse entfernt hatte,
war sie fast leer; eben bogen die Knn um die nächste
Strassenecke. Er bemühte sich, wieder Anschluss zu finden.
Die Strasse, in die sie eingebogen waren, öffnete sich
nach hundert Metern zu einem kleinen Platz, auf dem ein paar
kleine Bäume standen. Der Platz war gross genug für
sie alle, und hier sollte die Unterhaltung offensichtlich
fortgesetzt werden.
Einfache Bänke standen unter den Bäumen, die schnell
besetzt waren. Bei den Menschen führte Kühnhold
das grosse Wort, Oggrd vertrat die Knn. Die Bewohner der Stadt
hatten den weisshaarigen Mann, der ihnen eben schon aufgefallen
war, als ihren Gesprächführer ausgewählt. |
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| Die Delegationsteilnehmer sahen sich
verunsichert an, dann schritt Andra mit einem spöttischen
Grinsen als erste durch die Tür. Kühnhold folgte leicht
verärgert; eine Frau, vor ihm! Die anderen folgten, und
irgendwann ging dann auch Paul durch diesen Gang. Er war etwa
zehn Meter lang, vielleicht gerade so lang wie die Breite der
Häuser hier. Das war nichts für Klaustrophobiker,
Kado hätte nicht breiter und er nicht grösser sein
dürfen. Vor einigen Jahren war er einmal in einem mittelalterlichen
Siegerländer Bergwerk gewesen; so etwa fühlte er sich
hier, aber der Gang damals war wenigstens beleuchtet.
Als Rodion Gatullain, der vor ihm ging, den Gang verliess,
wurde es hell.
Er endete in einer Gasse, vielleicht fünf, sechs Meter
breit, gesäumt von einer Front aus weissen, zweistöckigen
Häusern mit flachen Dächern, deren Ränder von
der Sonne dramatisch beleuchtet wurden. Paul erinnerte sich
an einen Besuch in Südfrankreich, Uzès - oder
war es Arles gewesen? - wo das Strassenbild eine ähnliche
Mischung aus Melancholie und Sehnsucht nach einer fernen Vergangenheit
hervorrief.
Kurz stand vor seinen Augen wieder das Bild seiner Frau und
seiner drei Kinder, aber die Ereignisse um ihn herum waren
doch zu neu, als dass er zu lange diesen Erinnerungen nachhängen
konnte.
Sie wurden von etwa zwanzig Stadtbewohnern empfangen,
der grösste Teil der Leute befand sich weiter auf den
Dächern.
Er sah sich um und bemerkte, dass die Knn, die sie begleitet
hatten, nicht zu sehen waren. Er fragte kurz, wo sie seien,
aber keiner hatte sie gesehen. Ihm fiel ein, dass sie noch
hinter ihm waren, als er durch die Tür in die Stadt ging,
also sah er in den Gang. Der Gang war gerade, so konnte er
sehen, dass sie offenbar noch unentschlossen davorstanden.
Er ging zurück. Als er wieder draussen stand, konnte
er die Verunsicherung in ihren Augen sehen.
“Wieso kommt ihr nicht?”, fragte er.
Hrrg, der Biologe, antwortete ihm.
“Wir lieben keine engen Gänge. Um es genau zu
sagen, wir hassen sie! Das ist genetisch bedingt.”
Paul war verwundert. Sollten diese disziplinierten Soldaten
Angst haben, den zwar engen, aber doch nicht sehr langen Gang
zu durchqueren? Ihm fiel ein, dass auf der SUN JESTER die
Gänge stets so hell erleuchtet waren, dass es ihn schon
gestört hatte. Sogar die niedrigen Räume der Rettungsfähre
war hell erleuchtet gewesen. Das schien so eine Art kollektiver
Klaustrophobie, Abteilung dunkle enge Gänge zu sein.
Er schüttelte den Kopf, dann versuchte er auf die plumpe
Art, eine andere Marotte der Knn auszunutzen.
“Ich kann das verstehen, mir gefallen solche Gänge
auch nicht. Aber wir dürfen jetzt nicht das Gesicht vor
den Stadtbewohnern verlieren und der Gang ist nur zehn Meter
lang.”
Ein Ruck ging durch die Knn. Paul meinte, ihre Gesichtsfarbe
wurde etwas heller, dann stürmten sie regelrecht in Todesverachtung
durch den Gang. Er zuckte mit den Schultern, grinste, dann
folgte er ihnen gemächlich.
Obwohl er sich nur kurze Zeit von der Strasse entfernt hatte,
war sie fast leer; eben bogen die Knn um die nächste
Strassenecke. Er bemühte sich, wieder Anschluss zu finden.
Die Strasse, in die sie eingebogen waren, öffnete sich
nach hundert Metern zu einem kleinen Platz, auf dem ein paar
kleine Bäume standen. Der Platz war gross genug für
sie alle, und hier sollte die Unterhaltung offensichtlich
fortgesetzt werden.
Einfache Bänke standen unter den Bäumen, die schnell
besetzt waren. Bei den Menschen führte Kühnhold
das grosse Wort, Oggrd vertrat die Knn. Die Bewohner der Stadt
hatten den weisshaarigen Mann, der ihnen eben schon aufgefallen
war, als ihren Gesprächführer ausgewählt. |
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| Paul kümmerte sich nicht um
die Unterhaltung, die keine war, sondern sah sich ein wenig
um.
Irgendwelche technischen Einrichtungen konnte er nicht entdecken,
nur ein paar kleine Laternen aus Bronze oder Messing hingen
an den Häusern. Betrieben wurden sie mit Petroleum oder
etwas ähnlichem, wie er durch eine kurze Geruchsprobe
feststellen konnte. Von dem Platz gingen vier Strassen ab,
sonst gab es bis auf einige grosse Holztore keine Lücken
in der ziemlich gleichförmigen Bebauung. Zwei oder drei
Häuser hatten größere Fenster und sahen so
aus wie Geschäfte oder öffentliche Gebäude;
vor einem standen einige Tische auf der Strasse. ‘Vielleicht
ein Biergarten,’ dachte Paul hoffnungsvoll.
Sein Blick schweifte über die Dächer, und er spürte
plötzlich ein leichtes Ziehen im Hinterkopf.
Die Leute hier wirkten ja ausgesprochen ruhig und friedfertig,
aber sie schienen auch vorsichtig zu sein. Mindestens zehn
Leute auf den Dächern lagen mit einer Art Armbrust im
Anschlag auf dem Bauch und beobachteten aus verschiedenen
Richtungen das Geschehen. Er war sicher, dass sich weitere
Bewaffnete auf den Dächern befanden, bereit, im Notfall
einzugreifen.
Auf der anderen Seite des Platzes ging eines der Holztore
auf. Ein Wagen rumpelte über das Kopfsteinpflaster -
immerhin, das Rad war erfunden - gezogen von zwei gewaltigen
Rindern, gross wie Bisons, mit weit ausladenden Hörnern
wie Kaffernbüffel, richtig zum Fürchten. Die Frau
auf dem Bock schaute interessiert zu ihnen herüber, und
- Paul schüttelte den Kopf - die Rinder taten dasselbe.
Er wunderte sich wieder über die Ähnlichkeit nicht
nur der Menschen, sondern auch der Fauna und Flora mit der
auf der Erde; irgendetwas war da faul, ganz sicher.
Er ging ein wenig auf dem Platz herum. Hin und wieder sah
er ein neugieriges Gesicht an einer der etwas schlierigen
Scheiben in kleinen Fenstern.
Die Technologie der Bewohner schien der im späten irdischen
Mittelalter zu entsprechen. Die Glasherstellung war bekannt,
die Scheiben hatten natürlich nicht neuzeitliche Qualität,
aber es waren immerhin Scheiben und man konnte einigermaßen
hindurchsehen. Die Holzläden an den Fenstern waren wie
auch die Türen ausgezeichnet gearbeitet, einfach, aber
sehr präzise. Die Wände waren verputzt und hell
gekalkt, alles wirkte sehr gepflegt. Die Gassen waren mit
einer Art grobem Kopfsteinpflaster belegt, der Platz selbst
war unbefestigt; bei Regen würde dieser lehmige Sand
den Boden in ein Schlammbad verwandeln.
Paul sah nach oben. Nach Regen sah es aktuell nicht aus,
eigentlich wirkte die ganze Gegend ziemlich regenarm.
An einem der Bäume hing ein Zettel. Paul war versucht,
ihn abzureissen, aber dann hielt er sich zurück. Wer
weiss, welchem womöglich heiligen Zweck er diente. Papier
gab es also auch, nicht mal schlechtes, und wahrhaftig, der
Zettel war mit einem kleinen Nagel am Baum befestigt. Er sah
etwas genauer hin. Der Nagel schien wieder aus Messing oder
Bronze zu sein und sah aus wie ein kleiner irdischer Drahtstift,
glatt, mit einem runden, kleinen Kopf und den produktionsbedingten
Riefen kurz darunter. Die machten ihre Nägel offenbar
genauso aus Draht wie die Menschen.
‘Also, wenn ich nicht dabeigewesen wäre, als wir
abgestürzt sind, würde ich die ganze Aktion hier
für eine Fälschung, ein Täuschungsmanöver
halten,’ dachte er.
Zwei der Leute auf dem Dach sahen zu ihm herunter, aufmerksam,
aber nicht ängstlich oder misstrauisch. Er lächelte
zu ihnen hoch, aber sie reagierten nicht. Nun, wer weiss,
wie die sein Lächeln interpretieren mochten.
William stand jetzt auch vor dem Zettel.
“Lies doch mal eben vor, ich habe meine Brille vergessen,”
kalauerte ihn Paul an.
“Na ja, die schreiben von links nach rechts, die Schrift
ist buchstabenorientiert, also nicht mehr in den ersten Stadien
der Schriftentwicklung. Das wirkt hier sowieso nicht sehr
primitiv, das Ganze. Alles so aufgeräumt, ordentlich,
wohlorganisiert. Hast du was rausgefunden?”
Paul erzählte von seinen spärlichen Beobachtungen,
während sie langsam zu der sich angeregt unterhaltenden
Versammlung zurückschlenderten.
Die Linguisten und Anthropologen hatten in den Wochen seit
ihrer Ankunft auf Terkan viel Zeit damit verbracht, in den
noch funktionsfähigen Portablen nach Strategien zu suchen,
wie sich die Erforscher abgeschiedener Kulturen in Afrika
und Südamerika im 19. Jahrhundert den Menschen dort genähert
hatten. Also versuchte man jetzt fleissig mit der “Ich
Tarzan, Du Jane” - Methode, eine erste Kommunikationsbasis
aufzubauen.
Eine ganze Reihe Leute schrieben mit, die wenigen Aufzeichnungsgeräte,
die ihnen geblieben waren, liefen - versteckt natürlich
- auf Hochtouren. William setzte sich wieder zu den anderen,
während Paul wieder auf dem Platz umherschlenderte. |
|
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Andra kam hinter ihm her.
“Hast du schon Frauen gesehen?”
Paul erzählte von der Wagenlenkerin, dann fiel ihm auf,
dass sie die einzige Frau gewesen war, die er bisher gesehen
hatte.
Die Leute auf dem Dach hatten wie auch die auf dem Platz
so eine Art Einheitskleidung an, wie die Chinesen nach der
Kulturrevolution, nur in einem sehr hellen Braunton. Auf dem
Kopf hatten sie eine Kappe, eine Kapuze mit hinten umgeschlagenem
Rand.
“Das sind alles Soldaten, da dürfen keine Frauen
ran,” witzelte Paul.
“Mag sein, das ist hier schliesslich eine primitive
Kultur,” versetzte Andra grinsend.
Paul erinnerte sich mit einem leichten Lächeln an die
vielen Trainingsstunden auf der SUN JESTER und auch später
im Wald, in denen er sich gelegentlich auch mit Andra “geprügelt”
hatte.
“Im Ernst, wenn ich Leute für den Notfall bereithalten
sollte, würde ich es sicher genauso machen wie die die
Leute hier in Negs,” fuhr Andra fort. “Das sieht
alles ganz locker und zufällig aus, aber da ist jeder
an einem genau bestimmten Platz, da bin ich sicher. Ohne unsere
Waffen sind wir denen hoffnungslos unterlegen.”
“Negs?” fragte Paul. “Ach so; hier sind
wir! Endlich wissen wir Bescheid. Wer hat es euch verraten?”
Andra runzelte die Stirn und simulierte einen Lachanfall.
“Ein paar Sachen haben wir schon geklärt, zum
Beispiel den Namen dieser Stadt. So wie es aussieht, glauben
die uns die Geschichte von den Leuten aus dem hohen Norden,
deren Heimat einer Katastrophe zu Opfer gefallen sind. In
deren alten Geschichten gibt es wohl sowas ähnliches.
Die wundern sich allerdings darüber, dass wir uns mit
ihnen so überhaupt nicht verständigen können;
die anderen Sprachen ähneln sich offenbar zumindest in
den Grundlagen.”
Am anderen Ende des Platzes entstand etwas Unruhe. Eine kleine
Gruppe Negser kam gemächlich auf sie zu, sechs Leute
waren es.
Der weisshaarige Mann, der bisher die Unterhaltung geführt
hatte, begrüsste die Ankommenden, die Frau an der Spitze
umarmte er kurz, aber herzlich. Er wechselte ein paar Sätze
mit ihr, dann überliess er ihr die Leitung der Runde.
Also gab es doch Frauen, und nicht mal nur in der Küche!
Sie gingen hinüber zu den anderen, um an der Unterhaltung
teilzunehmen. Die Frau war, wenn man irdische Masstäbe
anlegen konnte, etwa 50 Jahre alt, grauhaarig, schlank, hatte
ein ruhiges, freundliches Gesicht mit dunkler, glatter Haut
und hellen braunen Augen.
Sie zeigte auf sich und sagte so etwas wie “Redala”.
Dann zeigte sie auf den grauhaarigen Mann an ihrer Seite und
sagte “Dagolesian”. Die Tarzan-Jane-Methode funktionierte
also.
Auf dieselbe Weise stellten sich einige Mitglieder der Expedition
aus dem Wald vor; Kühnhold, Kado, Andra, Oggrd und Brzz.
Andra sah Kado stirnrunzelnd an, aber der flüsterte ihr
zu: ‘Du bist die Quotenfrau.’ Das Stirnrunzeln
wurde stärker.
Man versuchte, sich gegenseitig die Funktionen klarzumachen,
die man jeweils in der Gruppe einnahm; weniger interessant.
Paul betrachtete die Gesichter der Leute aus Negs. Er konnte
keinen Unterschied feststellen zu Gesichtern, die ihm in seiner
Heimat auf der Strasse über den Weg gelaufen waren. Wenn
schon Oggrd und Brzz in Inverness trotz ihrer etwas schuppigen
Haut nicht aufgefallen waren, die hier würde man noch
weniger bemerken. Sie waren alle mehr vom nordafrikanischen
Typ, das heisst etwas dunklere Hautfarbe, dunkle Haare. Die
älteren unter ihnen waren meist grauhaarig, auch schlohweiss,
dieser Farbwechsel schien hier aber schon früher als
auf der Erde einzusetzen. Von Glatzen waren aber alle anwesenden
Negser verschont, Paul fuhr sich dabei sorgenvoll durch die
eigenen Haare.
Er sah sich Dagolesian genauer an. Wenn er die Wortfetzen
richtig mitbekommen hatte, war er so eine Art militärischer
Führer, vielleicht Kado vergleichbar. Er mochte 1,80
gross sein, knapp fünfzig Jahre alt; er hatte mittellange
graue Haare und einen kurzgehaltenen Vollbart. Seine Augen
wanderten unablässig, aber ruhig über die Leute
um ihn herum. Sein Gesicht war eher rund als länglich-hager,
für Negser Verhältnisse sah er wohlgenährt
aus, Paul schätzte ihn auf 3 Kilo Übergewicht. Seine
schmale Nase und seine wachen Augen standen in einem gewissen
Kontrast zu seiner restlichen, Ruhe und Gelassenheit signalisierenden
Erscheinung. Zwischen ihm und diesem Mann stand ein halbes
Universum, aber er imponierte ihm und er war ihm sympatisch.
Ihre Blicke trafen sich, sie sahen sich einen Moment in die
Augen. Paul lächelte ihn unwillkürlich an; überraschenderweise
lächelte Dagolesian zurück, bevor er weiter die
Lage beobachtete. Nun, vielleicht ergab sich in einiger Zeit
einmal die Gelegenheit zu einem Gespräch, um diesen intuitiven
Eindruck zu überprüfen. |
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Paul sah sich die Negser weiter an.
Ausser Redala gab es nur eine weitere Frau unter ihnen, sie
war mit Redala zusammen gekommen. ‘Hübsch’,
dachte er noch, aber dann erhoben sich die Wortführer
der beiden Gruppen. Redala erzählte ihren Leuten etwas,
Kado informierte seine Leute.
“Wir sind eingeladen, hier zu essen und zu übernachten.
Man hat uns gesagt, dass es keine luxuriösen Herbergen
sein werden, aber mal ein vernünftiges Essen, das wär
doch was.” Offenbar dachte er hierbei an die riesigen
Rinder vor dem Wagen, der über den Platz gerollt war.
“Wir schicken allerdings eine kleine Gruppe zurück,
die unsere Leute im Wald informiert, dass es uns gutgeht.”
Kühnhold liess es sich nicht nehmen, einen Segen zu
sprechen und der KRAFT für ihre Hilfe zu danken. Zu seinem
großen Erstaunen machten Kado und Andra dieses Ritual
mit, obwohl sie noch auf der SUN JESTER ihre Abneigung gegen
‘diesen Quatsch’ betont hatten. Irgendetwas war
da in den letzten Wochen an ihm vorbeigegangen.
Sie gingen gemeinsam einige der engen Strassen entlang. Überall
dasselbe, ziemlich eintönige Bild: zweistöckige,
manchmal dreistöckige Gebäude in geschlossener Front,
weiß oder beige getüncht. Keine Bäume, Gärten,
Blumen, aber alles war sauber und ordentlich. Es befanden
sich nur wenige Negser auf der Strasse, allerdings sah man
hier und da wieder ein neugieriges Gesicht an der Fensterscheibe.
Einige Zeit später, sie waren vielleicht einen guten
halben Kilometer gegangen, kamen sie wieder auf einen Platz.
Er war grösser als der, von dem sie kamen. Der Umriss
ähnelte einem römischen Amphitheater, die Längsachse
war etwa einhundert Meter lang. Paul erinnerte sich daran,
dass er in seiner Jugend einmal in der Toscana gewesen war;
in Lucca, einer wunderschönen Stadt dort, gab es einen
ähnlichen Platz, der seine Form daher hatte, dass er
auf den Grundmauern eines solchen Theaters gebaut worden war.
Die Strassen waren ohne jedes Grün gewesen, aber hier
auf dem Platz gab es wieder ein paar Bäume. Auf der linken
Seite standen ein Dutzend Tische auf dem Platz, an denen fröhlich
redende Leute bei Essen und Trinken sassen. Grüsse wurden
hin und zurück gerufen, Gelächter war zu hören.
Hier verbrachten die Negser also ihre Abende und fielen aus
der Rolle!
Die Gebäude, die um den Platz herumstanden, schienen
Geschäfte und andere öffentliche Gebäude zu
sein. Die Türen waren grösser, Schriftzeichen waren
zu sehen, die auf den Zweck der Häuser hinzuweisen schienen;
zuweilen gab es sogar eine Art Schaufenster.
Sie überquerten den Platz, gingen noch einige Meter
auf einer breiteren Strasse und bogen dann in einen Torweg
ein, der in einem Innenhof endete. |
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| Dort wurden sie bereits erwartet. Einige
lange Tische waren gedeckt, Krüge und dampfende Schüsseln
standen zwischen Tellern und Glasbechern. Sie nahmen Platz.
Redala sprach einige Worte, eine Art Gebet möglicherweise,
dann griffen alle zu. Die Negser hatten sich unter die Menschen
und Knn gemischt, gossen ihnen die Getränke ein und verteilten
mit grossen Holzlöffeln den Eintopf aus den Schüsseln.
Das Mahl schien frugal, aber es war sehr schmackhaft. Paul
wunderte sich über die Selbstverständlichkeit, mit
der alles ablief. Klar, die Negser gingen davon aus, dass
sie die Speisen und Getränken kannten, schliesslich ahnten
sie nichts von der obskuren Herkunft ihrer Gäste. Aber
auch die Menschen und Knn aßen und tranken, als ob sie
schon seit Jahren hier lebten. Der Eintopf bestand hauptsächlich
aus einer Art Linsen mit Kartoffeln, etwas Fleisch war auch
darin; er war gewürzt, dass es jeden guten Restaurant
auf der Erde Ehre gemacht hätte. Das Getränk schmeckte
wie Apfelsaft - oder Apfelwein - er war sich nicht sicher,
ober er nach einem kleinen Eimer davon noch nüchtern
sein würde. Ein Universum durchquert, um hier an einem
Holztisch mit anderen Menschen zu sitzen und Apfelwein zu
trinken! Fiel keinem seiner Mitreisenden die Absurdität
dieser Situation auf?
Er wollte gerade mit William ein Gespräch darüber
anfangen, als einige Plätze weiter Unruhe aufkam. Kühnhold
schaute streng in sein Essen.
“Da ist Fleisch drin. Fleisch ist von Übel,”
erklärte er angewidert.
Richtig, die Leute von seiner Glaubensrichtung waren überwiegend
Vegetarier, zumindest die strenggläubigen Führer.
“Kühnhold, mach keinen Quatsch!” ermahnte
ihn Paul. “Hier gibt es andere Prioritäten als
Ernährungsgewohnheiten.”
“Halt den Mund!” fuhr ihn Kühnhold an.
Paul war überrascht von der Schärfe in seinem Ton.
Etwas lauter werdend, redete Kühnhold weiter: “Man
setzt mir kein Fleisch vor, nicht hier und nicht anderswo.
Fleischverzehr ist gegen die allgültigen Gesetze des
Universums.”
Paul merkte die Wut in sich hochkochen. Dieser Idiot faselte
von allgültigen Gesetzen. Er kam ihm vor wie die christlichen
Missionare im Mittelalter, die es den südamerikanischen
Indianern übelnahmen, dass sie nicht seit Urzeiten die
heilige Dreifaltigkeit angebetet hatten. Dafür war er
bereit, die Negser vor den Kopf zu stossen und misstrauisch
zu machen.
“Hör mal, Kühnhold, verdirb hier nicht die
Stimmung. Wir müssen hier einen guten Eindruck machen
und können unsere Gastgeber nicht mit solchen Albernheiten
düpieren. Wir werden auf diese Leute hier angewiesen
sein, so wie es aussieht.”
Kühnhold funkelte ihn wütend an.
“Alberheiten!” schnaubte er. “Du wirst
dich noch wundern, du blinder Naturwissenschaftler. Es gibt
Grösseres als die Rationalität! Mit euch werden
wir auch noch fertig. Wer die KRAFT beleidigt, wird verstossen
werden.” |
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Jetzt reichte es Paul. Das Gefasel
dieses ignoranten Dummschwätzers würde sie alle
noch um Kopf und Kragen bringen. Allein, ohne die Hilfe der
Leute hier würden Sie auf diesem Planeten nicht das erste
Jahr überleben, da war sich Paul sicher. Kühnhold
wurde mit seinen abstrusen Vorstellungen zu einer tödlichen
Gefahr für sie alle.
Paul merkte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg, einer seiner
beliebten cholerischen Ausbrüche schien unmittelbar bevorzustehen,
doch er redete ruhig, aber bestimmt.
“Wenn du hier die Versammlung platzen lässt, mein
Freund, dann passiert hier noch ein Unglück.”
Er liess seine Schultern locker hängen, hob seine linke
Hand einige Zentimeter von der Tischplatte, formte seine rechte
Hand locker zu einer Kralle, die Fingerspitzen auf Kühnholds
Gesicht gerichtet, und hielt sie in Brusthöhe vor seinen
Körper.
Kühnhold erbleichte. Offensichtlich liess er sich von
dieser Kampfsportparodie für ganz Arme täuschen.
“Das machst du nicht! Das schaffst du nicht!”
“Ich bin schnell drüben, verlass dich drauf! Iss!”
war Pauls kühle Antwort.
Kühnhold begann zu essen.
“Ich werde mich daran erinnern!” stiess er zwischen
den Zähnen hervor.
Das Essen war wirlich gut, das wenige Fleisch fiel kaum auf,
gab aber einen guten Geschmack, es schien Hühnerfleisch
zu sein.
Paul dachte über den Zwischenfall mit Kühnhold
nach. Sicher, es war leicht gewesen, diesen Hampelmann zu
ängstigen, dazu war ihm Paul einfach körperlich
augenscheinlich zu überlegen. Andererseits hatte er sich
hier sicher einen einflussreichen Feind geschaffen. Er dachte
an Kado und Andra, die offensichtlich auch plötzlich
so religiös geworden waren.
Er liess die letzten paar Wochen hier auf Terkan in Ruhe
an sich vorbeiziehen und stellte fest, dass er zuweilen von
einer beeindruckenden Naivität war. Er wunderte sich
jetzt, dass er beim Versuch, gleichzeitig zu gehen und zu
sprechen nicht ständig hinfiel.
Es fiel ihm auf, dass in der Zeit nach dem Absturz praktisch
keine Entscheidung mehr an Kühnhold vorbei gefallen war.
Mit dem Argument, dass die Technik und der naturwissenschaftliche
Machbarkeitswahn sie in diese Situation gebracht hatte, sollte
jetzt wieder eine Rückbesinnung auf spirituelle Werte
stattfinden. Die reinen Zahlen sprachen für die Leute
von der Neuen Allumfassenden Gemeinschaft; weit mehr als die
Hälfte der irdischen Expedition gehörte ihr an und
es wurden offenbar immer mehr. Argumente gab es nicht, aber
einen festen Glauben an die Kraft des Universums. Mehrfach
war ihm schon dieses frömmelnde Getue der Protagonisten
dieser Neuen Allumfassenden Gemeinschaft auf die Nerven gegangen,
aber er hatte es ignoriert.
Zweifelnd sah er zu Kado und Andra herüber. Ob sie ihn
in einer möglichen Auseinandersetzung unterstützen
würden? Eigentlich traute er ihnen keinen blinden Opportunismus
zu, der sich darin äussern würde, dass sie um ihres
Vorteils willen hinter Kühnhold herliefen, aber man konnte
nie wissen! William, der zwei Plätze links von ihm sass,
war ihm bisher noch nicht als NAGser aufgefallen, aber seine
Jane schien sich auch in diese Richtung zu bewegen. Fein,
fein, da hatte er sich also gegen die herrschende Klasse aufgelehnt,
ohne vorher darüber nachzudenken. Er fragte sich, ob
er diesen Auftritt wiederholen würde und wusste keine
Antwort. Einerseits hätte sie Kühnhold beinahe in
eine unmögliche Situation gebracht, andererseits lag
es ihm nicht, mutig aufzustehen, um seine Meinung zu sagen;
er war nicht der Typ mit Eimern voll Zivilcourage, das passte
eher in ein Schnapsglas.
Das Essen endete, aber man blieb weiter an den Tischen sitzen.
Es bildeten sich drei Gruppen: Menschen, Knn und Terkaner.
Man redete über das, was man beobachtet, gehört
und erfahren hatte.
Rodion berichtete über seinen Gang zu einer der hiesigen
Toiletten: fliessendes Wasser, sogar die Toiletten waren wassergespült,
und das mitten in der Wüste. Die Reste verschwanden offensichtlich
in einer gut funktionierenden Kanalisation. Ein Agrarexperte
berichtete von den landwirtschaftlichen Anbaugebieten, die
an einem Fluss lagen, der in einer Entfernung von vielleicht
fünf Kilometern von Negs entfernt und um einiges tiefer
vorbeifloss.
Eine Flussoase also, und die Stadt mit ihren 30.000 Einwohnern
war vernünftigerweise in unfruchtbares Gebiet gebaut
worden. Der Fluss war wohl auch die Erklärung für
den Wald, in dem die Expedition Unterschlupf gefunden hatte;
er versiegte viele Kilometer entfernt im Sand der Wüste,
sein Wasser bildete ein Grunwasserreservoir, das auch den
zwar weit entfernten, aber tiefliegenden Wald versorgte.
Die Tatsache, dass sie im Wald lebten, erfüllte die
Negser mit Staunen und Bewunderung; sie hatten ein Tabu, den
Wald nicht zu betreten, sie erzählten von bösen
Geistern, die schon viele getötet hatten. Es geht halt
nichts über einen gesunden Aberglauben, meinte Kühnhold.
Die Kultur hier schien auf einem technischen Niveau zu sein,
der verglichen mit dem irdischen vielleicht dreihundert Jahre
zurücklag. Die Organisation des Staatswesens war aber
dafür offenbar hocheffektiv. Nun, das war natürlich
alles nur ein erster Eindruck, man würde das genauer
untersuchen müssen. Zuerst mussten sie die Negser dazu
überreden, sie in ihrer Stadt aufzunehmen; das würde
nicht so einfach sein, 500 Mann auf 30.000, das war schon
eine ganze Menge für eine technisch wenig entwickelte
Gemeinschaft!
Kühnhold redete von ihrer moralischen und geistigen
Überlegenheit, die ihnen ein Recht gab, hier Hilfe zu
erwarten; sie würden den Negsern dafür die Religion
bringen, die sie auf den rechten Weg führen würde.
Paul hielt seine Zunge diesmal im Zaum.
Sie kamen hier an als Bittsteller, als grausam Gestrandete
und Kühnhold wollte diesen Leuten seine Weltanschauung
aufdrängen.
Es versprach, heiter zu werden. |
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