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| Der Asteroid |
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| Paul verließ an diesem denkwürdigen
Tag sein Haus im Osten der Stadt wie an jedem anderen Tag,
verabschiedete sich von Frau und Kindern und erfreute sich
an dem herrlichen Morgen. Die Sonne schien aus einem fast
wolkenlosen Frühlingshimmel auf das frische Grün
der Hainbuche vor dem bescheidenen alten Reihenhaus, das sein
Großvater vor fast hundert Jahren unter großen
Mühen errichtet hatte. In dem kleinen Vorgarten wetteiferten
zwei, drei Dutzend leuchtend orangerote Wildtulpen mit ein
paar Trompetennarzissen um die Aufmerksamkeit des Betrachters,
unter dem Baum standen einige hellgelbe Hundszahnlilien. Er
nahm sich vor, im Herbst eine große Tüte gefüllte
Narzissen im Boden zu versenken, damit auch seine Nase an
einem solchen Tag mehr zu ihrem Recht kam.
Er ging über die Fußgängerbrücke in
Richtung Bushaltestelle. Mitten auf der Brücke blieb
er stehen und betrachtete die Fahrzeuge, die unter ihm in
die Innenstadt hinunterfuhren. In der Ferne konnte er zwischen
den Bäumen hindurch den Fernsehturm am Fluß in
der Sonne leuchten sehen. Dann sah er auf die Uhr, auf der
über einen kleinen Empfänger die Ankunft des Busses
in zwei Minuten angekündigt wurde, und er beeilte sich,
die Haltestelle zu erreichen.
Heute hatte er sich vorgenommen, auf dem Weg zur Arbeit noch
einige Artikel in diversen Zeitschriften durchzulesen, um
sie auf Verwertbarkeit hin zu überprüfen. Die Fahrt
mit Bus und Bahn zu seiner Arbeitsstelle im Süden der
Stadt dauerte zwar fast doppelt so lang wie mit dem Auto,
aber so konnte er in Ruhe seinen Gedanken nachhängen
und in seinem Portablen schmökern.
Neben einigen Artikeln über Modelle zur Berechnung der
Klimaentwicklung - immer noch eine gehobene Art von Kaffeesatzlesen
- interessierte ihn ein Bericht über die Entdeckung eines
eigenartigen Asteroiden, der Licht emittierte und sich auf
die Erde zubewegte.
Nachdem er in die Bahn umgestiegen war, vertiefte er sich
in diesen Artikel, wobei ihm einige Ungereimtheiten auffielen.
Zunächst waren die Schätzungen über die Flugrichtung
des Himmelskörpers noch sehr ungenau. Dann fiel ihm auf,
daß auch die Angaben über das emittierte Licht
erstaunlich ungenau waren, “langwelliges Licht im sichtbaren
Bereich über einer extrem langwelligen Grundschwingung”.
Von der Zeitschrift ASTRONOMICS war er genauere Angaben gewöhnt,
der Autor Ian McNabb konnte sich offenbar keinen Reim auf
die Beobachtungen machen. Überhaupt, ein lichtemittierender
Asteroid, das war so etwas wie ein karierter Elefant mit zwei
Rüsseln.
Er suchte in seinem Portablen nach ähnlichen Phänomenen
im Bereich von Planeten und Planetoiden, aber Fehlanzeige.
Nun hatte er natürlich auf dem kleinen, nur 3 Terabyte
fassenden Speicher seines Portablen nicht die gesamte Literatur
der Welt versammelt, er nahm sich daher vor, im Institut in
Ruhe ein wenig im Netz herumzustöbern. So konnte er auch
Kontakt zu Kollegen bekommen, die sich auf diesem Gebiet besser
auskannten als er; wahrscheinlich ließ sich sogar der
Autor des Berichts erreichen.
Er war so vertieft in seine Lektüre, daß er das
kleine Signal aus seiner Uhr überhört hatte und
beim Blick nach draußen feststellen mußte, daß
er seine Haltestelle verpaßt hatte und an der nächsten
aussteigen mußte. Sein Ärger darüber hielt
sich in Grenzen, auf diese Weise kam er noch zu einem kleinen
Spaziergang.
Sein Arbeitsplatz lag in der Nähe eines Rokokoschlosses,
durch dessen weitläufigen Park er nun dem modernen
Zweckbau zustrebte, in dem das Institut für Wirtschaftswissenschaften
untergebracht war |
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| Als er ins Büro eintrat, sah
er, daß er wie so oft der letzte war. Rainer grinste
ihn an.
“Na, war gestern abend zu lang oder die Nacht zu anstrengend?”
Originelle Bemerkung, das. Manchmal gingen ihm Rainers ungeheuer
witzige Sprüche schon etwas auf die Nerven.
“Du kennst doch die Bibel: liebe deine Nächste
wie sie dich, und wenn’s sein muß, die ganze Nacht
lang.”
Seine Antwort war also auch nicht viel besser, aber er hatte
anderes im Kopf als ein leichtes Wortgeplänkel mit Rainer.
Ulli hob nur kurz die Hand zum Gruß, nachdem sie einen
lautlosen Lachkrampf simuliert hatte. Dann starrte sie wieder
konzentriert auf den Bildschirm, der vor ihr an der Wand lehnte.
William war irgendwo im Haus unterwegs.
Zu viert bildeten sie ein Team, das die hier arbeitenden
Wirtschaftsexperten mit Information aus anderen Wissensgebieten
versorgten; Paul selbst kümmerte sich um die Naturwissenschaften,
Rainer um philosophische und gesellschaftswisenschaftliche
Fragen, Ulli um technische Disziplinen und William um Sprachwissenschaften.
Sie hatten alle einen Überblick über die am Institut
vertretenen Forschungsbereiche und entschieden, welchen Leuten
sie welche Informationen zukommen ließen. Sie waren
eher Generalisten als Spezialisten. Paul hatte zwar eine naturwissenschaftliche
Ausbildung, aber nie den Drang nach eigener Forschungsarbeit
verspürt. Sein Interesse bestand darin, sein Wissen über
seine Fachgebiete zu erweitern; da er gleichzeitig die Fähigkeit
besaß, komplizierte Zusammenhänge auch naturwissenschaftlichen
Laien kurz und verständlich darzustellen, konnte er hier
seinem Hobby frönen und wurde noch dafür bezahlt.
Die drei Kollegen hatten ähnliche Interessen und Anlagen
wie er, und so bildeten sie ein Team, das vornehmlich die
eigenen Wissenschaftler, aber auch andere wirtschaftswissenschaftliche
Institute und Universitäten mit Hintergrundberichten
und Zusammenfassungen aus anderen Fachgebieten versorgte.
Irgendwann vor fünfzehn Jahren war man auf die Idee
gekommen, daß für das in der Spitzenforschung notwendige
vernetzte Denken auch die notwendigen Grundlagen aus anderen
Wissensgebieten bereitgestellt werden mußten. Dieses
Team war damals als ein zeitlich begrenzter Versuch geplant
worden, mittlerweile erfreuten sich die Berichte, die über
das globale Netz jedem Interessierten zugänglich waren,
einer so großen Nachfrage, daß sie in dieser Zusammensetzung
schon seit über zwölf Jahren zusammenarbeiteten.
Das Beispiel hatte Nachahmer gefunden, so daß in Deutschland
schon vier andere Teams dieser Art arbeiteten. Die Adressaten
waren dort andere, er erinnerte sich an das weinselige Treffen
mit einer Gruppe in Süddeutschland, die ein Institut
für Ethik, Philosophie und Religionen mit entsprechend
ausgewählten Artikeln versorgte.
Er setzte sich an seinen Computer und klinkte sich ins Netz
ein, um nach der Kombination von Lichtemission und Planetoiden
zu suchen. Nach weniger als einer Minute bekam er die Information,
daß unter dieser Stichwortverbindung keine Veröffentlichung
gefunden sei. Er war überrascht, denn zumindest der Artikel
aus der ASTRONOMICS hätte eigentlich aufgeführt
sein müssen. Er suchte in seinem Portablen nach dem Autor
des Beitrags, schrieb ihm eine kurze Notiz mit der Bitte um
weitere Information und schickte sie über das Netz nach
Kenosha, Wisconsin. |
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Beim Mittagessen in der Kantine unterhielt
er sich mit William über dieses Phänomen.
“Du bist doch auch so ein kleiner Hobbyastronom, Will.
Hast du schon mal von sowas gehört, ein strahlender Planetoid?”
“Unmöglich. Das soll doch bestimmt ein Komet sein,
oder?”
“Die Astronomen scheinen sicher zu sein, daß
es keiner ist, das Emissionsspektrum widerspricht dem
völlig.”
“Wie groß ist das Ding denn?”
“Das ist auch eigenartig. In dem Artikel gibt es keine
Größenangaben, die haben wohl nur eine Ortung aufgrund
dieser Emission.”
“Na, das könnte doch genausogut irgendeine weit
entfernte Lichterscheinung sein, eine Supernova
für Arme vielleicht. Obwohl, deren Spektren sind doch
seit über hundert Jahren analysiert.”
“Right, man. Erstens bewegt sich das Ding auf uns zu
und zweitens ähnelt das Spektrum dem, was bei der Reaktion
zwischen Materie und Antimaterie erhält. Sagt zumindest
der Autor. Also, da wird doch wohl kein Antimateriebrocken
auf uns zufliegen!”
William trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte, während
er mit der Gabel im Kartoffelauflauf stocherte. Er fuhr sich
mit der linken Hand durch seine dunklen Locken mit grauen
Strähnen, ein Zeichen für intensives Nachdenken.
Dann führte er genüßlich einen Bissen zum
Mund und grinste.
“Das ist ein Raumschiff mit Warp-Antrieb. Erinnerst
du dich an diese herliche SF-Serie “Raumschiff Enterprise”?
Der Antrieb funktionierte glaube ich auch mit Materie und
Antimaterie. Das kommt aus dem weiten Weltraum durch die endlosen
Jahrhunderte zu uns zurück und bremst jetzt ab. Dabei
zeigt der Antrieb natürlich in unsere Richtung und wir
sehen ihn. Na, wie findest du das?”
Paul sah ihn halb nachdenklich, halb belustigt an. Interstellare
Raumfahrt! Eigentlich eine Schnapsidee, und dann ausgerechnet
als Ziel die Erde, ein kleiner Planet einer unbedeutenden
Sonne in einem abgelegenen Winkel einer unbedeutenden Galaxie.
Das Dumme war nur, ihm fiel auch keine bessere Möglichkeit
ein, die Beobachtung zu deuten.
“Übrigens, Will, ich habe eben versucht, im Netz
Informationen zu diesem Thema zu bekommen, da war nichts,
nicht mal dieser Artikel. Ist da irgendwas im Suchprogramm
defekt, ein Virus oder sowas?”
“Ich hatte heute noch keine Probleme, das kann aber
Zufall sein. Wir testen das gleich mal.”
Während sie ins Büro zurückgingen, unterhielten
sich über Frau und Kinder, über die Ferienplanung,
über das geplante gemeinsame Essen im “Alten Steinweg”.
Ihr Versuch, dem Netz weitere Information zu entlocken, endete
mit einem Fehlschlag. Ihr Erstaunen wuchs, als sie versuchten,
den Artikel aus den ASTRONOMICS direkt zu laden, nichts geschah.
Vollends überrascht waren sie, als sie in Williams Portablen
nach dem Artikel suchten. Die Ausgabe der ASTRONOMICS war
vorhanden, aber jeder Hinweis auf diesen Artikel war gelöscht.
Paul fing an, an seinem Verstand zu zweifeln, aber in seinem
Portablen war der Artikel vorhanden; auch William sah ihn,
es konnte also keine Halluzination sein. Nun, es gab dringenderes
zu tun, und sie wurden nicht dafür bezahlt, abwegigen
Artikeln über eigenartige Phänomene nachzugehen.
Paul arbeitete weiter an einer Zusammenfassung zum Thema langfristige
Klimaentwicklung, William bearbeitete einige Artikel über
die Struktur einiger abgeschiedener Gesellschaften im asiatischen
Hochland.
Er hatte vielleicht zwei Stunden an seinem Artikel gearbeitet,
als oben links im Bildschirm das Zeichen für einen dringenden
Posteingang auftauchte. Erfreut stellte er fest, daß
der Absender Ian McNabb, der Autor des eigenartigen Artikels
war, der ihn seit heute morgen beschäftigte. Prompte
Bedienung nennt man sowas, dachte er sich. Er rechnete kurz
nach, es mußte im Osten der USA gerade Frühstückszeit
sein, der Mann hatte es aber wirklich eilig.
Die Nachricht war kurz, McNabb wollte unbedingt seine Telefonnummer
und unbedingt sofort. Dem Manne konnte geholfen werden. |
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Fünf Minuten, nachdem er die
Nummer übermittelt hatte, läutete sein Telefon.
Am Apparat war nicht der Astronom, sondern ein Oberst von
Schneider der US Airforce. Er kam unvermittelt zur Sache.
“Woher haben Sie diesen Artikel der ASTRONOMICS?”
Irgend etwas schien mit diesem Artikel wirklich nicht zu
stimmen.
“Ich bin Abonnent dieser Zeitschrift, ich arbeite an
solchen Themen.”
“Der Artikel wurde aus der ASTRONOMICS gelöscht!”
“Bei mir war er drin. Bei meinem Kollegen, der sie
auch abonniert hat, fehlt er allerdings; auch im Netz scheint
er nicht greifbar zu sein. Ist der Artikel etwa fehlerhaft?”
“Nein. Er wurde aus anderen Gründen gelöscht.
Wir fragen uns, wieso nicht bei Ihnen.”
Der strenge Ton nervte gewaltig.
“Guter Mann. Ich habe diese Zeitschrift bezogen wie
in jedem Vierteljahr. Da ich nicht der Herr über Raum,
Zeit und alle elektronischen Schaltkreise bin, muß der
Fehler wohl bei Ihnen liegen. Daß ich legaler Abonnent
bin, können sie sicher in einer Ihrer Dateien nachsehen.”
“Wie ist denn genau Ihr Name? Ich habe hier nur die
Telefonnummer.”
“Aabdahl, Paul Aabdahl.”
Es dauerte eine kleine Weile, dann meldete sich die strenge
Stimme vom anderen Ende wieder, diesmal etwas freundlicher.
“OK. Ich habe einen Verdacht, weshalb sie die ursprüngliche
Fassung der Zeitschrift bekommen haben. Sie sind in der alphabetisch
sortierten Liste der erste Abonnent weltweit und bekommen
ihr Exemplar immer zuerst übermittelt. Da hat wohl dann
einer den Fehler gemacht, die erste Überspielung zu lesen
und erst ab der zweiten zu löschen. Entschuldigen Sie
bitte meine Unhöflichkeit vom Beginn, aber wir sind hier
in heller Aufregung wegen dieses Vorfalls.”
“Schon gut”, meinte Paul und wollte nach einem
kurzen Gruß auflegen, aber der hektische Ausruf vom
anderen Ende ließ ihn innehalten.
“Moment, Herr Aabdahl, legen sie nicht auf. Es ist
sehr wichtig, daß nichts von dem Vorfall bekannt wird,
erzählen sie niemandem davon. Können wir uns vielleicht
über ein abgesichertes Videophon unterhalten? Wenn man
sich sieht, dann fällt das Gespräch auch leichter.”
Was sollte nur diese Geheimniskrämerei! Handelte es
sich um eine neue Superwaffe? Diese Militärs!
“Kein Problem, ich arbeite in einem Forschungsinstitut,
ich muß nur in einen Nebenraum gehen. Ich habe mich
allerdings schon mit einem Kollegen über den Artikel
unterhalten, weil ich mir keinen Reim darauf machen konnte.”
Am anderen Ende hörte er einen Fluch.
“Bringen Sie bitte diesen Kollegen auch mit, falls
das geht.”
Er ging mit William drei Räume weiter, da das Institut
noch nicht die neueste hochwertige Bildübermittlung
an den Computern hatte. Sie waren kaum dort angekommen, als
auf dem Schirm an der Wand schon ein Gesicht mit Uniform darunter
auftauchte. Kräftiges, breites Kinn wie ein Nußknacker,
kurzer Schnauzbart, für einen Militär ziemlich lange
blonde Haare, energischer, bestimmender Blick. Etwas zu kernig
für Pauls Geschmack, das ganze, aber der Mann wirkte
nicht unsympathisch.
“Vielen Dank, meine Herren. Wir sind hier wirklich
sehr aufgeregt über diese Sache. Auch der Verteidigungsminister
und der Präsident wissen Bescheid. Haben Sie eigentlich
eine Theorie über diesen Himmelskörper.”
Paul und William sahen sich an. Der Präsident, wer wohl
sonst sollte benachrichtigt werden, wenn da in einer Zeitschrift
ein Artikel unautorisiert veröffentlicht wurde. Das war
ja auch wirklich unerhört, der mußte mal wieder
Ordnung in diesen Laden USA kriegen. Sie schüttelten
den Kopf, Will antwortete aber trotzdem.
“Wir haben keine vernünftige Theorie. Ein Meßfehler
vielleicht, ein defektes Meßgerät. Oder, aber das
nicht im Ernst, Besucher aus der Galaxis, deren Schiff mit
Warpantrieb fliegt.”
Er grinste, aber nur kurz. Sein Gegenüber auf dem Bildschirm
verlor sichtbar an Farbe.
“Das haben wir befürchtet.” Dann ein paar
englische Flüche. “Behalten Sie diese Theorie unbedingt
für sich, denn sie ist richtig. Ich werde mich schnellstens
mit ihnen persönlich in Verbindung setzen, nach ihrer
Zeit werde ich ...”, er sah auf seine Uhr, “ ...
morgen früh bei ihnen im Institut sein, allerdings ohne
Uniform. Bitte sprechen Sie mit niemandem darüber.”
Paul fand als erster die Sprache wieder.
“Sie verkaspern uns!”
“Wie meinen Sie?”
“Sie wollen uns auf den Arm nehmen. Kleine grüne
Männchen, das ist nicht Ihr Ernst.”
“Die befinden sich seit drei Wochen am Rande der Vorderseite
des Mondes. Seit zwei Wochen haben sie Kontakt mit uns und
versuchen, sich mit uns zu verständigen. Wenn das allgemein
bekannt wird, bricht eine Panik aus, weil es genügend
Wirrköpfe gibt, die zum großen Verteidigungskrieg
für die heilige Mutter Erde aufrufen, und das muß
verhindert werden. Bitte schweigen Sie. Unbedingt!”
Sie sahen den Mann auf dem Bildschirm ernst und zweifelnd
an. Dann nickten Sie und der Bildschirm wurde wieder dunkel.
“Will, deine Genialität ist offenbar nicht mehr
zu steigern. Raumschiff Enterhaken! Glaubst du auch nur ein
Wort?”
“Der Mann sah nicht wie ein billiger Komödiant
aus. Aber trotzdem, wir recherchieren mal, ob es diesen
von Schneider wirklich gibt.”
Ihr Versuch, die ganze Sache als dummen Scherz zu enttarnen,
schlug fehl. Wo sie auch im Netz nachforschten, von Schneider
und auch McNabb waren authentische Personen.
Als Paul am nächsten Morgen im Institut aufkreuzte,
wurde er in der Eingangshalle bereits vom Oberst erwartet,
der ihn freundlich anlächelte. Der Mann war ein Hüne,
so groß wie er selbst, aber etwas breiter, und wirkte
wie ein übriggebliebener Wikinger. Er sah heute allerdings
nicht ganz so dynamisch aus wie am Vortag, aber das konnte
an dem anstrengenden Flug liegen, den er hinter sich hatte. |
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| “Hallo, Herr Aabdahl. Von Schneider,
ich hoffe, die Übertragung gestern war gut genug, daß
sie mein Gesicht erkannt haben. Kommen Sie, ihr Kollege erwartet
uns bereits in einem Zimmer im ersten Stockwerk.” Es
wurde ein längerer Vortrag über die schnelle Entwicklung
der Ereignisse. Der Bericht von McNabb war vor zwei Monaten
zur Veröffentlichung bei der ASTRONOMICS eingereicht
worden. Kurz vor der Auslieferung hatte man im amerikanischen
Verteidigungsministerium davon erfahren, nachgefragt und durch
eine präzise Bahnberechnung festgestellt, daß es
sich um einen angetriebenen, genauer gesagt abbremsenden Himmelskörper
handelte, der auf eine stark exzentrische elliptische Umlaufbahn
um die Sonne einschwenkte. Ein kleineres Flugobjekt war in
Richtung Mond geflogen und war dort gelandet. Nur vier Tage
später, vor sechzehn Tagen, begann der Versuch der Kontaktaufnahme.
Zunächst wurden Bilder übermittelt, und zwar in
derselben Form, wie auch die Menschen gegen Ende des letzten
Jahrhunderts versucht hatten, Nachrichten ins All zu senden.
Die Fremden funkten eine Zahl von Nullen und Einsen zur Erde,
die sich eindeutig als Produkt zweier Primzahlen darstellen
ließ; in diesem Fall waren es 809 mal 1009 Punkte. Der
Trick hierbei war, daß sich diese Punkte eindeutig rechteckig
anordnen ließen. Das Ergebnis waren Abbildungen mit
einer Auflösung, die verglichen mit heutigen Verhältnissen
ziemlich armselig war, sie war so gut wie in der Zeit der
ersten annehmbaren Schwarzweißbildschirme.
Immerhin, die Darstellungen waren gut erkennbar. Das
Verfahren hatte überdies den Vorteil, daß von der
Erde innerhalb kurzer Zeit Bilder im gleichen Format zurückgefunkt
werden konnten. Von Schneider kramte in seiner Tasche nach
seinem Portablen.
“Ich habe Ihnen selbstverständlich eine Menge
Bilder mitgebracht, Herr Aabdahl und Herr Campbell.”
William griff aufgeregt nach dem Computer, während Paul
sich an den Obersten wandte.
“Wir reden uns hier im Institut nur mit unseren Vornamen
an, ich weiß manchmal kaum noch, wie William mit Familiennamen
heißt. Ich glaube, bei Ihnen macht man es ähnlich,
oder? Also, er heißt William, ich heiße Paul.”
Von Schneider lächelte erfreut.
“Karl Delaware von Schneider, man nennt mich allerdings
nach meinen Initialen meist Kado. Meine Eltern stammen aus
Österreich, daher der gewaltige Vorname Karl. Daher übrigens
auch meine Kenntnisse der deutschen Sprache.”
Dann fiel Paul auf, daß William überhaupt nichts
sagte, sondern nur fassungslos und kopfschüttelnd
auf den Bildschirm sah. Endlich fand er seine Sprache wieder.
“Oberfaul, das Ganze. Da erlaubt sich doch einer einen
Scherz. Hier, Paul.”
Paul starrte auf das Bild, das William ihm übergab.
In einem Raum voller Anzeigegeräte, Steuerknüppel
und Lämpchen saß in einem Sessel ein Mensch oder
etwas sehr ähnliches und sah ihn an. Die Nase war etwas
breiter, Kinn und Stirn etwas fliehender als beim durchschnittlichen
Menschen, die Figur wirkte kräftiger, obwohl man sie
nur im Sitzen sah. Der Gute sah aus wie ein zivilisierter
Neandertaler.
Das nächste Bild zeigte eine Steppenlandschaft, dann
kamen einige Häuser mit flachen Dächern, die sich
nicht wesentlich von denen auf der Erde unterschieden, schließlich
das Bild einer großen Stadt. Auf dem letzten Bild waren
offenbar Einzelheiten des Körperbaus dieser angeblichen
Außerirdischen zu sehen, und dies ließ Paul
dann auch stutzen.
“Bestes Hollywood, aber ziemlich phantasielos”,
meinte er, als er Kado den Portablen zurückgab. “Die
haben ja die Innereien wie wir: Herz, Magen, Darm, Gehirn,
alles wie bei uns. Und die sollen aus dem Weltall kommen?”
“Das haben wir auch gedacht. Aber das Raumschiff ist
Realität, wir haben auch mit Hilfe unseres Weltraumteleskops
ein ganz ordentliches Bild davon errechnen lassen. Hier.”
Kado gab den Computer zurück. Eine technische Zeichnung
war zu sehen. Sie zeigte ein Gerüst von gut einem halben
Kilometer Länge, an dessen Ende ein parabelförmiges
Schild zu erkennen war. Die Spitze des Gerüsts schien
abgeflacht zu sein.
Paul pfiff durch die Zähne.
“Ein elegantes Teil. Ach übrigens, hat in den
letzten Tagen mal jemand nach dem Eiffelturm gesehen?”
Ein schwaches Lächeln huschte über Kados Gesicht,
dann tippte er auf einige Tasten.
“So, jetzt kommt der Clou. Das Bild haben die uns als
eines der ersten übermittelt.”
Eine der vorigen sehr ähnliche Zeichnung erschien, ohne
die Bemaßung, dafür aber mit mehr Einzelheiten.
“Auch das Schiff auf dem Mond haben wir mit einem Weltraumteleskop
geortet, allerdings sind die Lichtverhältnisse an
der Stelle des Mondes schwierig. Die senden mit so geringer
Stärke, daß wir die Nachrichten nur entdeckt haben,
weil wir vorgewarnt waren. Es wissen nur ungefähr 40
Leute von der Sache, und das sind alles keine Witzbolde. Wir
waren auch unter einem Vorwand in drei anderen Empfangseinrichtungen,
haben aber dort dieselben Signale gemessen wie bei uns. Wir
müssen davon ausgehen, daß alles echt ist.
Und bedenkt, das Raumschiff!”
William grinste spöttisch.
“Das wird ein schöner Schock für unsere Ufologen.
Keine kleinen grünen Männchen, keine ätherischen
grauen Gestalten mit Wasserköpfen oder tonnenförmige
Monster mit acht Fingern an jeder Hand. Menschen wie du und
ich!”
Kado sah William und Paul ernst an.
“Ich möchte euch bitten, mit mir zu kommen. Wir
ziehen im Moment alle Leute, die von der Sache wissen, in
der Nähe von Inverness in Schottland zusammen. Es gibt
dort Empfänger für die Botschaften vom Mond, genügend
Computer, eine komfortable Unterkunft, ein Observatorium und
eine schöne Umgebung.”
William runzelte die Stirn.
“Wir sind keine Experten für extraterrestrisches
Leben und gehören sowieso nicht zur Speerspitze der Forschung.
Wir schreiben Artikel für Wirtschaftswissenschaftler
zusammen, das ist alles. Was sie brauchen, sind doch wohl
eher Spezialisten für Raumfahrt, für Kommunikation,
für Astronomie, für Medizin und was weiß ich
noch. Oder wollen Sie uns nur unter Kontrolle halten?”
“Das mit der Kontrolle ist auch ein Aspekt”,
gab Kado offen zu. “Wir haben uns sofort gestern sehr
gründlich über euch kundig gemacht, außer
der Fliesenfarbe in euren Toiletten wissen wir fast alles.
Ihr habt doch einen ausgezeichneten Überblick über
den Stand der Forschung auf vielen Gebieten. Ihr sollt
in euren Fachgebieten eine Koordinationsfunktion übernehmen.
Ihr sucht die Fachleute, die uns in bestimmten Fragen helfen
können, ihr wisst schließlich, wer was taugt, und
das nicht nur auf einem kleinen Spezialgebiet. Eure Teams
gibt es bisher ja nur in Deutschland und England, aber wir
sind auch in den USA dabei, solche Teams an bestimmten Instituten
einzurichten, das ist sehr sinnvoll.”
“Ist diese Bitte um Mitarbeit so eine Art Befehl”,
erkundigte sich Paul.
Kado wand sich etwas.
“Ich soll euch überzeugen, mitzukommen, so lautet
mein Auftrag. Ihr würdet mich glücklich machen,
wenn ihr es als eine Art Ferienaufenthalt auffaßt. Ich
glaube nicht, daß es noch wesentlich länger als
zwei Monate dauert, bis der Kontakt soweit hergestellt ist,
daß diese Arbeitsgruppe wieder aufgelöst werden
kann.”
Paul und Will sahen sich an und zuckten resigniert mit den
Achseln.
“Arbeitsgruppe, das heißt Kasernierung der Mitwisser!
Wir fordern aber Bedenkzeit.”
Während Oberst von Schneider sich in einen Ruheraum
zurückzog, um sich ein wenig von den Strapazen des für
ihn schon sehr langen Tages zu erholen, verbrachten Paul und
Will den Vormittag damit, lange mit ihren Frauen zu telefonieren. |
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Mittags trafen sie sich in der Institutskantine.
Während des Essens plauderten sie über Belanglosigkeiten.
Sie stellten fest, daß sie eine Schwäche für
die schottische Hauptstadt Edinburgh hatten, sie waren alle
irgendwann in den letzten zwanzig Jahren einmal dort gewesen.
“Ihr kennt alle den Royal Botanic Garden in Edinburgh.
Ich kann euch versprechen, daß der Park um das Institut
in Inverness fast ebenso schön ist. Habt ihr euch entschieden,
ob ihr mitkommt?”
Paul lächelte säuerlich.
“Du meinst, ob wir freiwillig mitkommen oder mit Zwang!
Also die Begeisterung meiner Familie hält sich in
Grenzen, aber ich habe ihnen klargemacht, daß ich keine
große Wahl habe.”
“Ich komme auch freiwillig mit, aber auch nur weil
ich mir den schönen Park ansehen will. Es müsste
eigentlich langsam die Maiglöckchenblüte anfangen”,
ergänzte Will. |
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