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| Flucht |
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| Die Ruhe im Dorf war schnell dahin.
Alle, die noch im Dorf waren, kamen aus den Häusern und
strebten Richtung Dorfplatz. Sie wurden dort schon von Kühnhold
und einigen anderen aus der Führungschicht erwartet.
Andra stand dort mit zwei Männern, die er vorher auch
schon auf den Feldern gesehen hatte. Der eine der beiden war
eine blonder Hüne mit Schnauzbart und langen glatten
Haaren, der andere mittelgroß, hager und mit bereits
schütterem Haar. Paul war überrascht, sie dort einige
Gewehre verteilen zu sehen, da er nie zuvor im Dorf Waffen
bemerkt hatte. Andra redete kurz mit den beiden Männern;
als sie ihn dann bemerkte, kam sie auf ihn zu.
“Unser Ausguck - du erinnerst dich doch? - hat gemeldet,
daß eine größere Anzahl von Leuten aus der
Stadt auf den Wald zukommt. Es scheint sich um eine bewaffnete
Gruppe zu handeln, genau konnten die das von da oben aber
nicht sehen. Jonas und Kado werden sich zum Waldrand begeben,
um herauszufinden, was die vorhaben. Wir haben die Befürchtung,
daß sie uns hier aus dem Wald rauszutreiben wollen,
versucht haben sie das schon. Es ist aber auch möglich,
daß sie dich wiederhaben wollen. Bisher haben die noch
nicht probiert, einzeln in den Wald einzudringen, irgendwie
haben die eine komische Angst vor dem Wald. Da man sich aber
auf nichts verlassen kann, werde ich mich um deine Sicherheit
kümmern.”
Er sah sie offenbar zweifelnd an, denn sie setzte spöttisch
hinzu: “Du traust mir das wohl nicht zu, was? Na, du
scheinst wirklich sehr viel vergessen zu haben. Komm jetzt,
ich werde dich in einen sicheren Bereich des Waldes bringen.”
Sie marschierten in einen Teil des Waldes, in dem sie bisher
noch nicht gewesen waren. Es ging etwas bergab, und je tiefer
sie kamen, desto feuchter und muffiger wurde die Luft. Auch
der Boden begann, weicher zu werden. Hin und wieder mußten
sie sogar einer Pfütze ausweichen, dann verließen
sie den Pfad und bewegten sich federnd über breite und
dichte Grasflächen. Unvermittelt bogen sie nach rechts
ab ins dichte Unterholz. Es ging wieder etwas bergauf, sie
bewegten sich kreuz und quer durch hohe, stachelige Brombeerhecken,
um schließlich auf einer kleinen Freifläche anzukommen.
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| “Hier bist du sicher, denke
ich. Das ist einer unserer geheimen Rückzugsplätze,
so eine Art letzte Festung. Durch die Hecken kommt man nur,
wenn man den Weg kennt, sonst verfängt man sich hoffnungslos.”
Am Rand der Lichtung stand eine kleine Hütte, die Schutz
vor den möglicherweise auftretenden Unbillen der
Natur bieten konnte und als Schlafplatz diente. Sie traten
in den Raum ein. Im hinteren Teil standen vier Betten der
üblichen Bauart, ansonsten bildeten zwei Regale, ein
Tisch und fünf oder sechs Stühle das Mobiliar.
“Alles klar, hier können wir bleiben”, sagte
Andra, dann traten sie wieder aus der Hütte.
In der Ferne hörten sie einige Schüsse, dann war
es wieder still. Kurze Zeit später brach anscheinend
eine Schlacht los; minutenlang war Gewehrfeuer zu hören.
Auch Paul konnte deutlich zwei Arten von Schüssen unterscheiden.
“Die dumpferen Schüsse kommen aus unseren Gewehren”,
erklärte Andra. Nach einer Zeit, die ihm endlos erschien,
wurde das Gewehrfeuer schwächer, nur noch einzelne
dumpfe Schüsse waren zu hören, dann hörte man
nur noch die Geräusche des Waldes.
Pauls beruhigte sich langsam wieder.
“Wir scheinen die Oberhand behalten zu haben.”
Andra nickte. “Jetzt müßten wir doch wieder
ins Dorf zurückkehren können, oder? Ich komme mir
hier sowieso vor wie ein feiger Deserteur.”
“Sieh das mal nicht so, Paul. Du scheinst für
die Leute aus der Stadt wichtig zu sein. Nun, ich will dein
Erinnerungsloch mal ein wenig füllen: Du warst ein wichtiges
Mitglied des wissenschaftlichen Teils unserer Expedition nach
hier und sie halten dich entweder für einen alchimistischen
Zauberer oder sie glauben, daß du ihnen wertvolle Informationen
über den Stand der Wissenschaft in unserer alten Welt
geben könntest. Jedenfalls wollen sie dich und wir wollen
dich auch. Wir können uns nicht leisten, dich zu verlieren,
weil in deiner momentan blockierten Erinnerung zuviel Wissen
steckt, das wir mal brauchen werden.”
Sie bewegte sich auf den Ausgang zu, er folgte ihr.
“Wir können den Rückweg wohl wagen.”
Wieder ging es durch das Brombeergestrüpp. Als sie wieder
auf dem Waldweg waren, hörten sie ein Rascheln im Gebüsch.
Plötzlich stürzten zwei dieser mittelalterlichen
Stadtbewohner von der Seite auf sie zu. Paul packte die Panik,
aber dann sah er aus dem Augenwinkel, was mit dem Kerl geschah,
der versuchte, Andra zu packen. Sie bewegte sich nur wenig
schräg links nach vorn, etwas aus der Angriffsrichtung
heraus, griff nach der Hand des Angreifers und führte
sie fast schon sanft in einer weichen Kreisbewegung. Er flog
an ihr verbei, dann hörte man ein Geräusch wie das
Reißen einiger Schnüre. Der Angreifer starrte im
Fallen auf die an seinem Arm baumelnden Hand, dann stöhnte
er laut auf.
Paul wurde von dem anderen Mann mit überkreuzten Armen
an dem stabilen Kragen seiner Jacke gepackt. Er fühlte,
wie ihm die Luft wegblieb, als der Andere zuzog. Wie automatisch
ging er einen kleinen Schritt zurück, wobei er seine
Arme in einer ausholenden, kreisförmigen Bewegung zwischen
sich und den Angreifer brachte. Die Bewegung endete mit überkreuzten
Händen vor dessen Kehlkopf, worauf sich seine Hände
kurz nach vorn bewegten. Erstaunt sah er den Mann zusammensacken. |
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“Komm schnell, bevor die schießen”,
keuchte Andra, dann liefen sie um die nächste Wegecke.
Nach einigen Minuten Hetze durch den Wald wurden sie langsamer,
weil Paul die Luft wegblieb.
“Na, ich denke, daß wir sie los sind”,
meinte Andra, ihr Atem ging erstaunlicherweise ziemlich ruhig.
“Deinen Mann bist du wirklich elegant losgeworden, da
kommt der Killer in dir wieder durch.”
Paul grinste angestrengt.
“Witzbold.”
“Nichts Witzbold. Du warst wirklich zuweilen hart bei
der Sache.”
Sie gingen eine Zeitlang schweigend weiter, wobei Paul wieder
mal seinen Gedanken nachhing.
“Meinst du das wirklich ernst mit dem Killer? Habe
ich schon mal jemanden getötet?”
Andra sah ihn nachdenklich von der Seite an.
“Nicht wirklich, und wohl nur aus Versehen. Der Typ
war danach nicht mehr gut auf dich zu sprechen, vorsichtig
ausgedückt. Ich bin ja keine Psychologin, aber ich hätte
gedacht, daß sich sowas im Unterbewußtsein festsetzt.”
Sie schüttelte den Kopf.
Paul beschlich ein dumpfes, fast alptraumartiges Gefühl.
Er schien früher große Fehler gemacht zu haben,
er konnte sich aber nicht einmal ansatzweise ein bestimmtes
Ereignis erinnern.
“Du scheinst aber auch ganz geübt zu sein im Abwehren
von Angriffen. Hat der sich die Hand gebrochen?”
Andra grinste leise und etwas schadenfroh.
“Gebrochen nicht, aber einige Sehnen sind wohl im Eimer.
Und die Sehnen hat er sich wirklich selbst zerrissen, ich
habe nur etwas nachgeholfen. Deiner wird auch eine Zeitlang
etwas schwer Luft kriegen, aber die werden schon wieder auf
die Füße kommen.” Ernster werdend fügte
sie hinzu: “Als Sicherheitschefin bin ich natürlich
bewandert darin, wie man einen Angriff stoppt.”
“Und ich habe mich immer über deinen Raubkatzengang
gewundert. Wie war das eigentlich bei meiner Aktion, war das
Zufall oder bin ich bei dir in die Lehre gegangen?”
“Erinnerst du dich daran?”
Paul schüttelte den Kopf.
“Dann war es gut geraten. Wir haben da einen offensiven
und einen defensiven Teil bei dieser Art Ausbildung. Ich beherrsche
notwendigerweise beide Teile; du bist witzigerweise im offensiven
Teil eine Pfeife, aber im defensiven Teil regelrecht gefährlich,
selbst ich würde dich nur ungern ernsthaft angreifen.”
“Wieso witzigerweise?”
“Ich weiß nicht warum, aber wenn man dich angreift,
bist du in deinen Abwehrtechniken gnadenlos. Eigentlich sind
Leute mit einem solchen Aggressionspotential in den Offensivtechniken
auch gut, du aber nicht. Ich kann mich nicht an einen gekonnten
Angriff von dir erinnern, aber dafür, wie jemand einen
Angriff auf dich nur mäßig gut überstanden
hat. Wie gesagt, ein richtiger Killerinstinkt.”
Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Paul machte sich
Gedanken über Schuld und Sühne. Er hatte offenbar
schon jemanden verletzt, aber mußte er sich jetzt dafür
verantworten? Es war ja nicht er, der jetzige Paul gewesen.
Obwohl, die Verantwortung konnte man kaum wegschieben.
“Wir reden ohnehin über jemanden, den ich nicht
kenne. Ich höre dir zu, als ob du über Prinz Eisenherz
oder Dietrich von Bern erzählst, alte, längst vergessene
Zeiten.” Er zögerte kurz, dann fuhr er fort. “Bin
ich eigentlich sonst so wie immer oder habe ich mich ganz
verändert?”
“Das meiste ist wie vorher, aber du wirkst verschlossener.
Früher warst du mal ein Mensch mit einem kindlichen Gemüt
und der König des schnellen und flachen Witzes. Dein
Motto war immer: lieber einen guten Freund verlieren, als
eine Pointe auslassen. Heute wirkst du regelrecht vernünftig
und ernst. Da geht einem schon mal was an Unterhaltung ab.” |
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Sie näherten sich nun wieder
dem Dorf und legten den letzten Kilometer nicht über
den Weg, sondern durchs Unterholz zurück. Wieder einmal
fielen ihm die irritierenden Unterschiede zwischen den Holunderbeeren
hier in der Realität und denen in seiner Erinnerungen
auf: hier fehlte die typische Rindenstruktur des Holunders;
immerhin, der Duft, der war geblieben. Als sie bis auf hundert
Meter ans Dorf herangekommen waren, hörten sie bereits
die Siegesgesänge; Kühnhold war als Vorsänger
tätig.
Sie traten auf den Dorfplatz und waren sofort von Leuten
umringt, die entweder erzählten, wie glorreich der Kampf
verlaufen war, welche Verluste zu beklagen waren oder die
ihnen sagten, wie gut sie es gehabt hätten in ihrem Waldversteck.
Diese Stimmen verstummten schnell, als Andra über den
Vorfall auf dem Rückweg berichtete.
Kado, der blonde Hüne, beglückwünschte die
beiden zu ihrer Reaktion und nickte Paul anerkennend zu, dann
wurde er sehr schnell ernst.
“Diese Verrückten trauen sich in kleinen Gruppen
in den Wald! Große Scheiße, Leute. Das hier war
mal ein sicherer Platz, Freunde, es war einmal. Ich denke,
wir können die Sachen packen.”
Andra nickte und fügte hinzu: “Wir müssen
damit rechnen, daß sich die Burschen jetzt auch in kleinen
Gruppen, womöglich sogar nachts, zu uns trauen. Da nutzt
kein Ausguck etwas. Irgendwas oder irgendwer hat denen offenbar
die panische Angst vor dem Alleinsein im Wald genommen. Wenn
wir hierbleiben, wachen wir eines morgens auf und atmen durch
ein Loch im Hals.”
Während Andras Erklärung bemerkte Paul, daß
einige Leute ihn verstohlen anblickten. Er hatte plötzlich
das Gefühl, daß ihm eine Reihe von Dorfbewohnern
mißtrauisch, wenn nicht sogar feindselig gesonnen waren.
Die Führergilde zog sich zu Beratungen zurück und
das Fest fand ein unvermitteltes Ende. Nach kurzer Zeit kam
Mona zu ihm und sie gingen nach Hause. Sie wollte genau wissen,
wie dieser Angriff im Wald abgelaufen war und zeigte sich
erleichtert, daß alles so gut abgelaufen war. Er beendete
seine Erzählung mit einer Frage.
“Mona, mein Schatz, ich hatte das Gefühl, daß
ich den Dorfplatz mit den Füßen voran verlassen
hätte, wenn Blicke töten könnten. Wieso?”
“Na, da verwechselst du wohl Respekt und Bewunderung
mit Abneigung, Paul”, versuchte sie ihn zu beruhigen.
Er ließ nicht locker.
“Mir ist vor allem Jonas aufgefallen. Das war Haß,
keine Bewunderung. Habe ich hier einigen Leuten in meinem
bisherigen Leben auf die Füße getreten?”
“Nicht mehr als üblich, es gab Mißstimmungen,
die in einer Gruppe notwendigerweise auftreten müssen.
Nichts besonderes, wirklich. Vielleicht denken nur einige,
daß du die Leute aus der Stadt hierhergebracht hast,
nicht mit Absicht natürlich. Zwei unserer Leute sind
bei dem Angriff umgekommen, vielleicht hatte Jonas engere
Beziehungen zu Maja, das ist eine der beiden Toten. Jonas
hat sich um alle Frauen im Dorf - nun, sagen wir mal, sehr
bemüht. Mach dir keine Gedanken, komm, wir machen uns
einen gemütlichen Abend.”
Paul wurde bei diesem Gedanken wohler. Während des Abendessens
genoß er die Ruhe. Er plauderte mit Mona über Dinge
wie den Verlauf des Wachstums der Dinkel- und Haferkulturen,
über die Versuche der Züchtung einer Variante der
Apfelsorte Braeburn und ähnlich mitreißende Themen.
Es war wohl das beste, was Mona tun konnte, um ihn von seinen
trüben Gedanken abzulenken. Als Mona etwas am Regal zwischen
den Büchern suchte, ließ er seinen Blick über
ihren Körper schweifen. Sie hatte nur ein T-Shirt und
Jeans an. Ihr Hintern war breit und vielleicht etwas zu flach,
sie war groß und kräftig, eigentlich keine Schönheit.
Sie drehte sich um und lächelte ihn an, während
sie ein Buch über Genetik hochhielt. Das mußte
es sein, was er an dieser Frau mochte, dieses Lächeln
mit den Grübchen in den Wangen. Ihn interessierte jetzt
die Genetik nicht mehr im theoretischen, sondern eher im praktischen
Sinn und er täuschte Müdigkeit vor. Das verschmitzte
Grinsen von Mona trieb seinen Blutdruck endgültig in
die für einen entspannenden Abend nötigen Höhen. |
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| Sie waren wohl gerade erst eingeschlafen,
als an der Tür geklopft wurde, dann hörte man jemanden
hereinpoltern. Nach kurzem Klopfen wurde die Tür aufgestoßen,
dann stand Kado in der Tür.
“Mona, wir benötigen dich bei der Vorstandssitzung.
Paul, entschuldige, aber es ist dringend.”
Mona brummte verschlafen, wälzte sich aus dem Bett und
zog sich wieder Jeans und T-Shirt an, während Kado wartete.
Sie gab ihm einen Kuß, wobei Paul die Tatsache pries,
daß sie früh zu Bett gegangen waren. Wenn Kado
früher gekommen wäre, hätte er wirklich gestört.
Am nächsten Morgen lag Mona wieder neben ihm im Bett
und schlief den Schlaf der Gerechten. Nachdem er sich eine
Zeitlang an ihrem Anblick erfreut hatte, stand er auf,
um das Frühstück vorzubereiten. Er warf einige Stücke
Holz in den kleinen Ofen und pumpte Wasser in den Kessel.
Messer, Holzbretter, Teebecher und Brot kamen auf den Tisch,
ebenso die Flasche mit dem obligatorischen Apfelsaft, Butter,
Käse und Marmelade. In der Küche hörte er das
Wasser kochen und goß es über die Teeblätter.
Der Duft erinnerte ihn an die beiden Männer in der Stadt,
die ihn vor den Soldaten gerettet hatten.
Diese Erinnerung brachte ihn wieder zum Nachdenken. Wieso
kamen plötzlich die Soldaten hier in den Wald? Hatten
die beiden Alten den Soldaten geraten, ihm heimlich zu folgen,
um Hinweise auf den genauen Aufenthaltsort ihrer Gruppe
zu bekommen? Schöne Hilfe, das! Dann kam ihm eine Beobachtung
in den Sinn, über die er sich bisher noch nicht den Kopf
zerbrochen hatte. Die beiden Kerle, die ihm und Andra gestern
an die Gurgel wollten, hatten eigenartig ausgesehen, nicht
nur wegen ihrer Uniform. Ihre Gesichter hatte er zwar nur
kurz und in Panik gesehen, aber die Haut war fast wie die
einer Eidechse gewesen, schuppig und relativ hart. Zumindest
bei “seinem” Kerl war er einigermaßen sicher,
daß es so war, Andras hatte er nicht so genau gesehen.
Irgendetwas klingelte tief in seinem Unterbewußtsein,
aber es war gedämpft und kraftlos. Bevor er dieser Irritation
weiter nachgehen konnte, kam Mona in die Küche.
Sie sah besorgt aus und berichtete ihm während des Frühstücks
über die Sitzung in der gestrigen Nacht. Man hatte überlegt,
wohin man den Sitz der Gruppe verlegen könnte, um der
Gefahr durch die Städter aus dem Wege zu gehen. Sie sollte
als Expertin für Biologie die Möglichkeit einer
neuen Lebensgrundlage an anderen Stellen in erreichbarer Nähe
angeben.
“Es sieht düster aus, Paul. Wir haben hier ein
zwar sehr einfaches, aber recht gesichertes Überlebenssystem
installiert. Es war eine verdammt schwere Arbeit, das hier
zu schaffen. Nochmal dasselbe, nein. Wir sind jetzt auch weniger
als damals. Aus welchem Grund auch immer, es klappt nicht
mit Kindern; noch nicht eine einzige von uns ist schwanger
geworden. Wahrscheinlich haben wir uns alle vor der Abreise
so gründlich vergiftet, dass da nichts mehr klappt. Wir
müssen uns von dieser alten technologischen Gesellschaft
lösen, auch gedanklich. Wir müssen wieder mehr auf
unsere Instinkte hören, sie fühlen, dann wird auch
das wieder in Ordnung kommen.”
Die Rede klang gut, aber er sträubte sich trotzdem innerlich
dagegen - wohl nur ein Reflex seiner bösen, naturwissenschaftlich
geprägten Vergangenheit. Eigentlich sollte er sich
ja an der Katastrophe, die sich in der alten Welt ereignet
hatte, mitschuldig fühlen, aber warum auch immer, das
Gefühl kam nicht. Er erinnerte sich an seine Kindheit,
als ihm seine Eltern Vorwürfe gemacht hatten wegen Dingen,
deren Fehlerhaftigkeit ihm weder damals noch später eingeleuchtet
hatten. Deren Sexualmoral, gute Güte! |
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Sie kamen nicht dazu, weiter zu diskutieren.
Die Tür ging auf und Jonas kam herein.
“Paul, komm. Wir wollen dich zuerst an einen sicheren
Ort bringen.” Er schaute mit gerunzelter Stirn vorwurfsvoll
zu Mona, als er Pauls verwirrten Blick bemerkte. “Hat
dir Mona noch nichts erzählt?”
“Ich bin noch nicht so weit gekommen, Jonas.”
Dann wandte sie sich wieder an Paul. “Wir glauben, daß
die hinter dir her sind. Sie dürfen sich aber dein Wissen
auf keinen Fall aneignen, sonst können wir nicht nur
unser Dorf aufgeben. Diese Idioten jagen uns offenbar mit
einem pathologischen Haß, sie sind nur zu primitiv bewaffnet
und kennen unsere Verteidigungsmöglichkeiten nicht. Andra
hat dir ja schon erzählt von deiner Funktion hier in
unserer Gruppe. Es darf nicht passieren, daß sie dich
nochmal in die Hand bekommen. Wir haben schon früher
einen kleinen Ausweichplatz tiefer im Wald vorbereitet. Jonas
führt dich jetzt schon mal da hin, wir müssen hier
den geordneten Rückzug vorbereiten.”
“Erschießt mich doch einfach und werft mich denen
vor”, schlug Paul vor. “Den Ärger habt ihr
dann vom Hals. Ich scheine doch nur eine Belastung für
euch zu sein.”
Die beiden wechselten betroffene Blicke. Mona wurde etwas
rot, dann sagte sie: “Wir brauchen dein Wissen auch
noch, mein Lieber.”
Sie packten ein paar Kleidungsstücke und etwas Nahrung
in einen Rucksack, dann verabschiedete er sich von Mona. Sie
umarmte ihn heftig, dann ging er mit Jonas davon. Als er sich
am Ende des Dorfes noch einmal umdrehte, stand sie noch immer
in der Tür der kleinen Hütte und sah ihnen hinterher.
Zu seinem Erstaunen nahmen sie den Weg in Richtung Waldrand.
Auf seine Frage erläuterte Jonas, daß sie eigentlich
tiefer in den Wald gehen wollten, der direkte Weg aber durch
ein Sumpfgebiet führte. Ansonsten war Jonas ein sehr
wortkarger Führer.
Die Bäume standen jetzt weiter auseinander und mehr
Sonnenstrahlen drangen bis zum Waldboden durch. Sie bogen
nach rechts ab und folgten etwa eine halbe Stunde einem schmalen
Pfad, der wie ein Beobachtungsgang in einiger Entfernung
am Waldrand entlanglief.
Paul genoß die Luft. Wegen der besseren Lichtverhältnisse
war der Waldboden mit blühenden, intensiv duftenden Pflanzen
übersät. Er stellte fest, daß er ein schon
mystisches Verhältnis zum Wald hatte, der Geborgenheit
versprach, Schutz vor den Launen der Natur und dem Wechsel
der Jahreszeiten, diese Wanderung machte ihm richtig Freude.
Als er aber über den Abschied von Mona nachdachte, beschlich
ihn ein ungutes Gefühl. Wieso hatten die sich beiden
so eigenartig angesehen, als er den Vorschlag gemacht hatte,
ihn zu erschießen? Wieso wurde Mona mitten in der Nacht
zu einer Besprechung geholt, in der es um den Umzug der Dorfgemeinschaft
ging - sie war Biologin! Wieso gingen sie ständig am
Waldrand entlang, wenn es doch eigentlich tiefer in den Wald
gehen sollte? Wieso begleitete ihn ausgerechnet Jonas? Wieso
hatte ihm Mona ausweichend über sein Verhältnis
zu Jonas geantwortet?
Irgendetwas passte an der ganzen Geschichte nicht zusammen,
er wußte aber nicht genau, was. Langsam wurde ihm mulmig,
er hatte das Gefühl, daß eine große Hand
nach seinem Nacken greifen wolte. Andererseits, wenn man in
ihm wirklich eine Gefahr sah und ihn beseitigen wollte, würde
man dies elegant mit einem wohlgezielten Schuß machen
und sein Ableben nicht so entsetzlich umständlich und
ohne Publikum inszenieren.
Verdammt, wieso erinnerte er sich an nichts aus der Vergangenheit,
jedenfalls an nichts wirklich wichtiges?
Sie liefen auf eine kleine Anhöhe zu, die in den Wald
hineinragte. Der Weg verlief dort kurzzeitig außerhalb
des Waldes, da die Bäume wie üblich nur im Tal wuchsen.
Er drehte sich nach hinten, um Jonas zu fragen, ob sie dem
Weg weiter folgen sollten. |
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Zu seinem Erstaunen sah er in dessen
rechter Hand ein Messer, in der linken einen Schlagring mit
einem kurzen Dorn und auf seinem Gesicht ein bösartiges
Grinsen.
“So, mein Freund, Schluß mit der albernen Vorstellung,
wir sind am Ende deines Weges angekommen. Die Leute aus der
Stadt werden dich hier finden und dann Ruhe geben.”
Paul verkrampfte sich der Magen.
Dann erinnerte er sich an die Szenen in Kriminalromanen,
in denen der Held in auswegloser Lage den Mörder in ein
Gespräch über den Tathergang verwickelte und auch
dem langsamsten Leser der Plot noch einmal genau erklärt
wurde. Am Ende schlug der Held zu und rettete sich und die
schöne Blondine vor dem sicheren Tod. Nun, einen Versuch
war es wert.
“Wieso sollten die Ruhe geben?”
“Laber nicht rum, du Blödmann.”
Das hatte ja prima geklappt.
Doch plötzlich wurde er ruhiger; er erinnerte sich an
das, was Andra über seine Defensivfähigkeiten gesagt
hatte. Jonas kam jetzt langsam auf ihn zu, das Messer locker
in der rechten Hand, die linke seitlich halbhoch vom Körper.
Dieses Schwein, dachte Paul, und er spürte in sich zum
ersten Mal so etwas wie Haß. Er merkte, wie sein bewußtes
Denken langsam aussetzte. Vor seinem inneren Auge schoß
Jonas auf ihn zu, stach mit dem Messer Richtung Gesicht, um
ihn abzulenken, und schlug dann mit dem Schlagring in der
linken Hand gegen seine Schläfe, um ihn zu töten.
Offen in der Mitte, dachte Paul noch, dann griff Jonas wirklich
an.
Den Messerangriff mit der linken Hand etwas aus der Richtung
wischend, bewegte er sich nach links vorn. Seine rechte Hand
hatte er zu einer Art Faust geformt, der Handrücken zeigte
nach unten, der Daumen nach vorn, gestützt durch die
anderen Finger. Mit leicht abgewinkeltem Arm schoss er
die Faust in gerader Bewegung aus der Hüfte gegen Jonas
Kehle. Er merkte noch, wie die Daumenspitze ihr Ziel
fand, aber zu spät, um den Schlag mit dem Schlagring
ganz zu verhindern.
Er sackte zusammen und rollte sich instinktiv rückwärts
ab. Er richtete sich so schnell es ihm möglich war wieder
auf und versuchte, einen klaren Kopf zurückzugewinnen,
um den nächsten Angriff abzuwehren.
Ein Blick auf seinen Gegner zeigte ihm, daß dessen
Angriff anscheinend sein letzter gewesen war. Jonas lag auf
dem Rücken und besah sich mit leeren Augen den blauen
Himmel. Paul vergewisserte sich vorsichtig, daß er wirklich
tot war und fragte sich, wie es ihm gelungen war, diesen Angriff
abzuwehren. Es war wohl einfach ein Problem des Timings gewesen,
der tödliche Schlag von Jonas war einfach zu spät
gekommen, da er zuerst die alberne Finte mit dem Messer versuchen
mußte. Seine Verteidigung und der Gegenangriff war hingegen
nur eine einzige kombinierte Bewegung gewesen, und die war
trotz seines Trainingsrückstandes zu schnell für
seinen Gegner gewesen.
“Pech, mein Freund.”
Schmerzen an seinem linken Arm und am Kopf zeigten ihm, daß
seine Abwehr weniger erfolgreich gewesen war, als er gehofft
hatte. Eine tiefe Schnittwunde zierte seinen linken Oberarm,
glücklicherweise war aber offenbar keine wichtige Ader
verletzt.
An der rechten Seite spürte er Blut den Hals herablaufen.
Als er vorsichtig an seinen Kopf faßte, wurde ihm ein
wenig übel. Seine Ohrmuschel war anscheinend halb abgerissen,
eine Rißwunde hatte er wohl auch. Der Schlagring
hatte seine Wirkung getan, wenn auch nur sehr unvollständig.
Als sein Adrenalinspiegel sich langsam wieder normalisierte,
spürte er die Schmerzen stärker, ihm wurde schwindelig.
Seine Hände und Knie begannen zu zittern. Er schleppte
sich ins Unterholz, um ein wenig auszuruhen. Hinter einem
großen und dichten Busch legte er sich ins Moos. Es
war zu befürchten, daß einige der Dörfler
kommen würden, um Jonas´ “Erfolg” zu
begutachten und dann sein Werk zu vollenden.
Dann verließ ihn das Bewußtsein. |
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Er erwachte davon, wie sich jemand
an seinem verletzten Arm zu schaffen machte. Als er wieder
etwas erkennen konnte, kniete Andra neben ihm und verband
ihm mit Streifen aus seinem Unterhemd den Arm.
“Bleib ruhig”, sagte sie, als sie bemerkte, daß
er wieder zu sich kam.
Dann verband sie ihm mit dem Rest seines Hemdes behelfsmäßig
seinen Kopf.
“Wa loll as?” Paul versuchte klarer zu sprechen.
“Waschollas?” Neuer Versuch. “Wasch scholl
sass?”
Andra machte einen fahrigen Eindruck, aber sie hatte ihn
verstanden.
“Schon gut, Paul. Ich muß mich kurz fassen und
du mußt hier gleich verschwinden. Also erstens: Die
Führung hat beschlossen, dich zu töten, aus mehreren
Gründen, vor allem aber, um vor den Städtern Ruhe
zu haben. Jonas sollte das machen, er hat sich sogar um diesen
Auftrag gerissen, aber Gott erhalte dir in bestimmten Situationen
deinen Killerinstinkt. Zweitens: Es wären wirklich nicht
alle aus der Gemeinschaft damit einverstanden gewesen,
deshalb mußte das heimlich geschehen, kein Schuß,
keine Zuschauer. Drittens: Du mußt zurück in die
Stadt, versuch, diese beiden Männer wiederzufinden,
bei denen bist du relativ sicher. So, trink das hier, es nimmt
den Schmerz, ohne zu betäuben.”
Das Zeug aus einer kleinen braunen Flasche schmeckte bitter,
brachte ihn aber fast schlagartig wieder zu vollem Bewußtsein.
“Hier, nimm den Rest mit. Zu Essen und Trinken hast
du genug. Und jetzt verschwinde in Richtung Stadt, ich werde
versuchen, den anderen, die gleich hier sein müssen,
weiszumachen, daß du in den Wald verschwunden bist,
das ist für die auch plausibel genug.”
Sie sah ihn etwas traurig an.
“Vertrau mir, wenn du kannst. Ich habe auch für
deinen Tod gestimmt, wollte dich aber retten. Ich bin zu spät
gekommen, aber du hast dir ja selbst ganz gut helfen können.”
Sie schaute unruhig nach rechts und sah in dann flehend an.
“Geh, sonst machen die mit uns beiden kurzen Prozeß.
Nochwas: ich werde mit einigen Leuten nachkommen, bereite
die Leute in der Stadt darauf vor, sag es ihnen zumindest,
und sag ihnen, daß wir in friedlicher Absicht kommen.
Auf alles andere wirst du schon selbst kommen, wenn dein Gedächtnis
zurückkommt. Hier ist alles Fassade, nichts ist wahr.
Wir sind nicht von hier. So, jetzt geh.”
Er meinte, in der Ferne Stimmen zu hören. Er sah Andra
noch einmal an, intelligent wie ein neugeborenes Kalb vermutlich,
da er nichts verstand. Instinktiv vertraute er ihr aber; er
lief auf die Anhöhe zu und kletterte hoch. Oben angekommen,
mußte er verschnaufen. Schon hörte er die Leute
aus dem Dorf herankommen und versteckte sich hinter einem
Felsvorsprung.
Als die Gruppe von etwa zehn Leuten angekommen war - er konnte
Kühnhold, Kado und Hermfried erkennen - sah man sie mit
Andra diskutieren. Paul konnte nichts verstehen, sah aber,
wie sie ins Unterholz deutete. Er erkannte Kado, der offenkundig
zustimmend nickte und ebenfalls in den Wald zeigte. Nachdem
die Gruppe Jonas abseits des Weges mit Zweigen und Erde bedeckt
hatte und einen kurzen Moment an dessen behelfsmäßigen
Grab verweilt war, verschwand sie im Wald. Kado bildete die
Nachhut; kurz bevor er im Wald verschwand, drehte er sich
noch einmal um, blickte in seine Richtung und winkte unauffällig
zu ihm herüber. Paul hatte den Eindruck, daß er
ihm sogar zulächelte.
Als sie nicht mehr zu sehen und zu hören waren, setzte
Paul seinen Weg fort. Seine Verwirrung war weder durch Andras
Erklärungen noch durch Kados Winken in seine Richtung
gewichen.
'Wir sind nicht von hier.' Na sowas, das hatte er sich doch
gedacht. 'Alles Fassade.' Das war schon komischer. Und Kado?
Der hatte wohl Andras List durchschaut, war aber wohl auch
einer von denen, die mit seiner Hinrichtung nicht einverstanden
gewesen waren.
Er stand auf und ging das letzte kurze Stück bergauf.
In der Ferne sah er die Stadt auf dem Hügel liegen, ein
weiter Weg lag vor ihm.
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