| |
| Paul |
|
|
| Er erwachte, weil laute, unwirsche
Stimmen an sein Ohr drangen. Langsam und unwillig öffnete
er die Augen, aber er konnte nichts sehen. Als er sich umdrehte,
bemerkte er, daß er nicht in seinem Bett, sondern unter
einer Schicht von Klamotten lag, die noch dazu alt und muffig
rochen.
Mit dem Arm stieß er an eine Holzwand, auch mit den
Füßen konnte er die Wand ertasten; anscheinend
lag er in einer großen Holzkiste. Er konnte sich nicht
daran erinnern, wie er in diese Kiste geraten war - da hatte
er sich gestern abend wohl heftig die Kante gegeben. Dann
fiel ihm auf, daß er sich nicht einmal daran erinnerte,
was er überhaupt gestern abend gemacht hatte. Er runzelte
die Stirn.
Draußen brüllte ein Mann Befehle, worauf Schritte
über einen Holzboden polterten.
Der Geruch stieg ihm immer penetranter in die Nase - Gestank
war wohl ein besserer Ausdruck. Gerade wollte er sich aufrichten,
um nachzusehen, wer diesen Lärm veranstaltete, als ihm
bewußt wurde, daß er zwar Stimmen hörte und
diese Stimmen als Befehle deutete, daß er aber kein
Wort verstand. |
|
|
| Langsam wurde ihm unbehaglich, er
bekam Angst. Seine Fremdsprachenkenntnisse waren zwar nicht
groß, Englisch und die Reste Schulfranzösisch,
das war eigentlich alles. Zumindest wußte er aber, wie
sich Dänisch, Spanisch, Chinesisch oder Polnisch anhörte.
Letztlich war es das, was ihn beunruhigte; die Befehle waren
in einer Sprache gebrüllt, die keiner ihm bekannten auch
nur entfernt ähnlich war. Außerdem bekam er mehr
und mehr das Gefühl, daß die Männer außerhalb
seiner Kiste auf der Suche waren, und zwar nicht irgend jemandem,
sondern nach ihm. Nun fiel ihm aber weder ein, warum sie ihn
suchen könnten noch wo er überhaupt war.
Plötzlich näherten sich der Kiste hastige Schritte.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als ein Schuh gegen das
Holz knallte und sich jemand am Verschluß der Kiste
zu schaffen machte. Der Deckel der Kiste wurde hochgehoben,
ein Fluch erscholl, ein Stock oder Gewehr traf ihn - glücklicherweise
gut gedämpft durch die Kleider - in die Rippen. Eine
Lautäußerung erklang, die wohl Ekel ausdrücken
sollte und der Deckel knallte wieder zu.
Er atmete ein wenig auf. Noch einige Minuten lang waren die
Schritte zu hören, dann trat die ganze Mannschaft offenbar
ab und es wurde wieder ruhig.
Er blieb trotz des Gestanks noch einige Zeit in der Kiste
liegen, um sicherzugehen, daß sich wirklich niemand
mehr in seiner Nähe befand. Vorsichtig hob er den Deckel
ein wenig hoch und schaute durch einen schmalen Schlitz nach
draußen. Die Kiste stand in einem großen Raum,
eine Art Speicher oder Dachboden. Überall Gerümpel,
alte Kisten, mehrere Berge alter Kleider - mittelalterliche
Uniformen, wie es schien - und einige große Schränke.
Es sah aus wie die Kleiderkammer eines Theaters. Das wichtigste
aber war: es war niemand mehr im Raum, zumindest sah er keinen
Menschen mehr. Er stieg aus der Kiste und sah sich noch einmal
vorsichtig um. Niemand war zu sehen; er wurde langsam ruhiger.
Behutsam bewegte er sich jetzt durch den Raum und untersuchte
die Kisten und Schränke. Außer weiteren alten Kleidern
und mittelalterlichen Waffen fand er jedoch nichts; er war
wohl wirklich in einen Theaterfundus geraten. Er setzte sich
auf eine Kiste und stützte den Kopf in die Faust. |
|
|
| Ein wenig musste er grinsen.
'Der Denker von Rodin für Arme', ging ihm durch den
Kopf. Dann dachte er wieder darüber nach, wie er hier
auf diesen Dachboden geraten war, kam aber zu keinem Ergebnis.
Er scheiterte erneut bei dem Versuch, sich den gestrigen Abend
zu vergegenwärtigen. |
Rodin:
Einer der großen französischen Bildhauer. |
|
Er hatte ein dumpfes Gefühl im
Kopf und konnte sich nicht richtig konzentrieren, ein ständiges
leichtes Flimmern lag vor seinen Augen. Je länger er
über seine Situation nachdachte, desto unwohler fühlte
er sich, weil ihm überhaupt nichts Konkretes mehr einfiel.
Er griff an seine Taschen, um Geld oder Papiere zu suchen,
aber wie befürchtet war nichts zu finden. In seiner Hosentasche
fingerte er nach seinem Haustürschlüssel oder dem
Autoschlüssel - wieder nichts.
Kopfschüttelnd stand er auf und ging zu einem kleinen
Fenster an der Stirnseite des Raums. Er schob es ein wenig
auf und schaute hinaus. Die Sonne schien aus einem wolkenlosen
Himmel. Er blickte auf eine schmale, menschenleere Gasse;
gegenüber, etwa fünf Meter entfernt, stand eine
Reihe weißgetünchter Häuser mit flachen
Dächern, das Ende der Reihe konnte er weder rechts noch
links sehen. Es war ruhig, kein Auto, kein Mensch, keine Katze,
nichts. Irgendwie erinnerte ihn die Szene an Südfankreichs
enge, verwinkelte und schattenspendende Gassen: Uzès,
Nîmes, Carcassone. Wie aber war er nach Südfrankreich
gekommen?
Plötzlich wurde es auf der Straße laut. Die Stimmen
beruhigten ihn, er war also doch nicht ganz allein. Eine Horde
Uniformierter bewegte sich im Laufschritt durch die Gasse.
Alle hatten dieselben Phantasiekostüme an, die er auch
auf dem Dachboden gefunden hatte.
Was war das hier eigentlich, so eine Art Oberammergauer Festspiele
auf Mittelalter getrimmt? Wieder fiel ihm jedoch auf, daß
zwar die Stimmen bis zu ihm empordrangen, er jedoch kein
Wort verstand. Nichts war’s also mit Südfrankreich,
auch Spanien und Italien kamen nicht in Frage. Und dann die
Kostümierung dieser sogenannten Soldaten! Eine diffuse
Angst ergriff ihn wieder. Es fiel ihm nicht ein, wo er war,
wer er war und warum er hier war, aber er hatte das sichere
Gefühl, daß die Trachtengruppe, die gerade vorbeigelaufen
war, nach ihm suchte und ihn tot oder lebendig haben wollte.
Nach kurzer Zeit hörte er wieder Schritte auf der Straße.
Zwei Männer und eine Frau gingen vorbei.
“Diesmal eine Minitrachtengruppe”, dachte er
bei sich.
Auch diese drei waren stilecht auf Mittelalter oder Orient
getrimmt.
Er sah an sich herunter und erwartete Lederweste, ein blaugestreiftes
Hemd und Jeans wie üblich. Aber auch er war komisch angezogen.
|
|
|
|
Wieder schaute er aus dem Fenster; diesmal lehnte er sich etwas weiter heraus
und versuchte, weiter nach rechts und links zu sehen. Auf
der rechten Seite konnte er das Ende der Häuserreihe
nicht sehen, die Strasse verschwand hinter einer leichten
Biegung. Links konnte er jedoch in etwa hundert Meter Entfernung
eine große und belebte Querstraße sehen. Er beobachtete
die Szene einige Zeit. Viele Menschen gingen geschäftig
die Straße hinauf und hinunter, aber alle hatten diese
altertümlichen Klamotten an. Immer noch hatte er kein
Auto gesehen, nicht einmal ein Fahrrad; alles, was er sah,
gehörte offensichtlich zu einer Fußgängerzone,
in der ein mittelalterliches Mysterienspiel aufgeführt
wurde. Das Ganze wirkte eigentlich ruhig und anheimelnd, wenn
nicht in seinem Hinterkopf ständig die Alarmglocken
läuten würden. Er entschied sich, die Kleidung zu
wechseln; womöglich würde man ihn sonst daran wiedererkennen.
In einem der Schränke - prächtiges Stück für
mein Arbeitszimmer, zumindest nach einer gründlichen
Aufarbeitung, dachte er bei sich - fand er, was er suchte.
Nachdem er sich umgezogen hatte, sah er fast so aus wie einer
der beiden Männer, die eben mit der Frau unter dem Dachfenster
vorbeigegangen waren; auch seine mittellangen Haare und
der kurzgeschorene Bart unterschieden sich nicht von dem Gesehenen.
An der dem Fenster gegenüberliegenden Seite des Dachbodens
sah er eine Tür. Er öffnete sie und ging langsam
die knarzende Treppe herunter, dann eine zweite; von dort
gelangte er auf die Gasse, die er eben von oben gesehen hatte.
Er wandte sich nach links, der belebten Querstraße zu.
Die Vorübergehenden beachteten ihn nicht, er hatte wohl
den modischen Geschmack der Menschen gut getroffen. Aufs Geratewohl
ging er an der Kreuzung nach rechts. Die Straße fiel
etwas ab und lief auf einen großen Platz zu. Sie war
breit und gepflastert - geschmackvoll, wie er fand - und war
von derselben Art weißgetünchter einförmiger
dreistöckiger Häuser gesäumt wie die Gasse,
aus der er gekommen war. Immer noch keine Autos; beunruhigender
waren allerdings einige Dinge, die ihm erst langsam bewußt
wurden. Keine Fahrzeuge, keine Straßenlaternen, keine
Antennen auf den Dächern, keine Geschäfte, überhaupt
keine Anzeichen von technischer Zivilisation. Auch Bäume,
Sträucher, Blumen, fast völlige Fehlanzeige. Wo
zum Teufel war er gelandet? Die Unruhe blieb ihm erhalten.
Die vorbeigehenden Menschen hatten verschlossene Gesichter.
Egal, ob sie einzeln gingen oder in kleinen Gruppen, niemand
redete, niemand lächelte. Er konnte sich einfach keinen
Reim auf das machen, was er sah. Eine Stadt von magenkranken
Autisten, die sich vorgenommen hat, ein Theaterstück
aufzuführen? Eine perfekte mittelalterliche Filmkulisse?
Ein Alptraum? Unauffällig kniff er sich ins Bein, aber
er spürte es. Auch der Schweiß, der ihm auf die
Stirn trat, sprach eher gegen die Traumthese. Trotzdem, irgendwie
war er nicht so recht Herr seiner Sinne.
Er näherte sich dem großen Platz. Er war rund;
innerhalb dieses Kreises war eine Vertiefung in Form eines
regelmäßigen Sechsecks, in dieser ein Fünfeck,
dann ein Quadrat und ein Dreieck. Die Mitte des Platzes lag
etwa zwei Meter unter dem Straßenniveau.
Gern hätte er sich den Platz in Ruhe angesehen, aber
die Menschen um ihn gingen weiter und deshalb ging er mit,
um nicht aufzufallen. Niemand schien sich in das Innere des
Kreises zu wagen, alle gingen außen um den Platz herum.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, vielleicht
hundert Meter entfernt, bemerkte er hektische Bewegungen.
Eine Gruppe von Uniformierten zeigte in seine Richtung, einige
schrien; dann sah er, wie einer der Soldaten auf ihn anlegte,
mit einem Gewehr, soweit er das in der aufsteigenden Panik
sehen konnte.
Er hörte einen Schuß und konnte das pfeifende
Geräusch einer dicht an seinem Kopf vorüberfliegenden
Kugel hören.
Seine ständige unterbewußte Angst hatte ihn also
nicht getrogen: er wurde verfolgt, und es schien auch einerlei
zu sein, ob er diese Verfolgung überlebte oder nicht.
Eigenartigerweise waren die Leute um ihn herum ziemlich unbeeindruckt
vom Geschehen. Niemand ging in Deckung, niemand versuchte
ihn aufzuhalten; es schien fast, als würde ihn keiner
der Leute um ihn überhaupt wahrnehmen.
Die Soldaten liefen laut rufend auf ihn zu und gestikulierten
mit ihren Gewehren. Hastig sah er sich um, dann rannte er
in die nächste Gasse.
Hier traf er kaum noch auf Menschen, er sah aber auch keine
Möglichkeit, sich zu verstecken. Die Türen der Häuser
waren geschlossen und schienen auch so stabil gebaut zu sein,
daß man sie nicht mit Gewalt öffnen konnte. Ohnehin
eine sinnlose Idee, dachte er, seine Verfolger würden
ihn so um so leichter finden. |
|
|
| Schweiß rann über seine
Stirn, seine Kleidung klebte am Körper. Andere Gassen
kreuzten die, auf der er lief. Wahllos wechselte er die Richtung
und verlor so vollends die Orientierung. Da er aber eine leichte
Steigung zu bewältigen hatte, vermutete er, daß
er wieder auf die Stelle zulief, von der er seine Erkundung
gestartet hatte.
Langsam blieb ihm die Luft weg, er schwitzte so, daß
er das Gefühl hatte, aus einer Sauna zu kommen. In weiter
Ferne hörte er das Getöse der ihn verfolgenden Soldaten;
er hatte sie anscheinend etwas abgehängt. Nun ja, sie
waren ebenso warm gekleidet wie er, mußten aber noch
die schweren Gewehre tragen. Er blieb nicht lange stehen.
Als sich seine Atmung und sein Puls wieder etwas beruhigt
hatte, lief er weiter. Plötzlich lief er wieder auf eine
breite Straße zu. Er überquerte sie schnell und
versuchte dabei, möglichst wenig aufzufallen. Links erkannte
er einige hundert Meter weiter den großen Platz, er
versuchte daher, sich nach rechts zu orientieren, nachdem
er die gegenüberliegende Gasse erreicht hatte. Nur weg
von diesem Platz, weg aus dieser Stadt. Die Häuser wurden
niedriger, als er sich von Zentrum entfernte. Dort hatte er
nur drei- und vierstöckige Häuser gesehen, jetzt
waren sie zweistöckig.
Immer noch sah er kaum Vegetation. Ein großer Park
mit vielen Bäumen und Unterholz wäre jetzt angenehm;
in diesen Gassen gab es nichts, wohinter man sich verstecken
könnte, um in Ruhe die Situation zu überdenken.
Hinter ihm wurde es lauter; die Verfolger schienen seine Spur
nicht verloren zu haben und kamen wieder näher. Er beschleunigte
seine Schritte.
Bisher war er immer auf Kreuzungen zugelaufen, diesmal lief
er auf eine Häuserzeile zu. Er entschied sich, nach links
zu laufen, um möglichst schnell wieder rechts einzubiegen.
Die Straße machte einen leichten Bogen nach links; hin
und wieder zweigte eine Gasse nach links ab, nach rechts gab
es keinen Ausweg. Hinter sich hörte er Stiefel über
das Pflaster knallen, seine Verfolger gaben nicht auf. Etwas
widerwillig bog er in die nächste Gasse ab, wieder in
Richtung Stadtzentrum.
Mittlerweile hatte er das Gefühl, daß ihm die
Augen aus den Höhlen traten. Es war heiß, die Sonne
brannte vom Himmel. Er lief zwar oft im Schatten der Häuser,
aber diese Gasse bot ihm diesen Schatten nicht. Es war nur
noch eine Frage von Minuten, bis ihm die Beine den Dienst
versagen würden.
Vor sich sah er auf der rechten Seite ein Haus, das ihn auf
eine Idee brachte. Die Fensterbank schien stabil und etwas
breiter zu sein als bei den meisten anderen Häusern und
wenig neben dem Fenster stand eine kleine Kiste. Er sprang
auf die Kiste, trat mit einem Fuß auf die Fensterbank
und versuchte, die Dachkante zu packen. Es gelang ihm und
er versuchte, sich hochzuziehen. Einige Sekunden zappelte
er dort, dann spürte er, wie jemand seine Füße
packte. Er geriet in Panik, aber zu seinem Erstaunen wurde
er hochgedrückt, nicht sehr fest, aber es gab ihm den
entscheidenden Schwung. Aufatmend ließ er sich auf das
flache Dach fallen.
Vorsichtig schaute er über das flache Mäuerchen,
das als Begrenzung des Daches diente. Unten auf der Straße
stand eine Frau, angezogen wie alle, die er bisher hier gesehen
hatte. Sie schien etwa dreißig Jahre alt zu sein, hatte
langes schwarzes Haar, dunkle Augen, eine dunkle Haut und,
was das Überraschendste für ihn war, sie sah ihn
an. Dann lächelte sie ihm kurz zu, drehte sich weg und
ging auf den Lärm zu, den die herannahenden Soldaten
machten. Er legte sich flach hinter die Mauer in der Hoffnung,
nicht entdeckt zu werden.
Der lärmende Haufen klapperte keuchend und fluchend
vorbei, dann wurde es wieder ruhig. Er sah über die Begrenzung
des Daches, aber sowohl die Soldaten wie auch die schöne
Frau waren verschwunden. Die ganze Situation war so schnell
vorbeigegangen, daß die Soldaten die Frau sicher nicht
gefragt hatten, ob sie ihn gesehen hatte.
Vom Dach aus hatte er eine bessere Aussicht auf die Stadt.
Zum Zentrum hin waren die Häuser höher, an den Rändern
niedriger, das hatte er schon bei seiner Flucht bemerkt. Vom
Dach aus sah die Stadt aus wie ein sanfter Hügel. Dummerweise
konnte er aber nur einen Blick auf die Stadt werfen, was sich
außerhalb der Stadt befand, blieb ihm verborgen, nur
ganz in der Ferne meinte er ein Gebirge zu sehen. Der Blick
vom Zentrum weg war durch die Häuserreihe verstellt,
an der er vorbeigelaufen war, bevor er sich wieder auf das
Zentrum zubewegt hatte. Die Häuser lagen etwas höher
als das, auf dem er sich befand und das Gelände dahinter
fiel offensichtlich wieder ab.
Zum ersten Mal konnte er auch sehen, was sich hinter den
abweisenden Häusern verbarg. Es war eigentlich nicht
sehr aufregend: ein Innenhof mit einer einfachen Bank, einigen
Büschen und einem kleinen Baum, der kaum über die
Dachkante ragte. Immerhin, es gab doch so etwas wie eine Vegetation.
Eine kleine Person ging über den Innenhof und trat in
den gegenüberliegenden Raum. Er duckte sich;
das war das erste Kind, das er in dieser Stadt gesehen hatte.
Verwundert schüttelte er den Kopf; sperrten die Leute
hier ihre Kinder ein?
Wieder blickte er zur Häuserzeile am Rand der Stadt.
Eine Weg aus dieser Stadt hinaus konnte es nur durch oder
über dies Häuser geben. Er pries die Tatsache, daß
alle Häuser hier ein flaches Dach hatten, so daß
er sich über die Dächer auf den Stadtrand zubewegen
konnte. Dort angekommen, fand er eine Stelle, an der die gegenüberliegende
Häuserreihe höchstens zweieinhalb Meter entfernt
war. Er sah über den Dachrand - kein Mensch war zu sehen.
Er konnte vielleicht zehn Meter Anlauf nehmen, um über
die Straße auf das Dach der anderen Seite zu springen.
Eigentlich müßte das zu schaffen sein, oft genug
hatte er solche Szenen in Filmen gesehen. Er nahm alle Kräfte
zusammen, sprang und landete knapp, aber sicher auf der anderen
Seite. |
|
|
| Seine Hoffnung, von hier aus die
Gegend außerhalb der Stadt zu sehen, trog allerdings,
da die Begrenzungsmauer – vielleicht auch noch ein Stockwerk
- auf der Außenseite mindestens drei Meter hoch war,
ein Hinübersehen war unmöglich.
Nicht weit von der Stelle, an der er gelandet war, sah er
im Dach eine Holzklappe. Behutsam hob er sie hoch und sah,
daß eine Treppe nach unten führte. Er öffnete
die Klappe vollständig, stieg die Treppe einige Stufen
hinunter und schloß dann die Klappe wieder leise hinter
sich.
Das Treppenhaus war dunkel, aber die Treppe war aus rohem
Stein, so daß er geräuschlos hinuntergehen konnte.
Unten angekommen schaute er um eine Ecke und erschrak. Keine
zwei Schritte entfernt saßen zwei Männer - etwa
fünfzig Jahre alt - an einem einfachen Holztisch, auf
dem drei Tassen mit einer dampfenden Flüssigkeit standen.
Einer der beiden drehte sich zu ihm, sagte etwas, was er nicht
verstand und winkte ihn, auf die dritte Tasse deutend, freundlich
blickend zu sich an den Tisch.
Er begriff nichts, und obwohl ihn die Situation eigentlich
beunruhigen sollte, war er merkwürdig ruhig. Die dritte
Tasse war wohl von vornherein für ihn auf den Tisch gestellt
worden, also setzte er sich zu den beiden und nahm die Tasse.
Er roch daran, es war Tee, normaler schwarzer Tee. Die warme
Flüssigkeit wirkte belebend und das Getränk war
nicht mal schlecht; solchen Luxus und diese Gastfreundschaft
hatte er hier nicht erwartet. Zum ersten mal an diesem Tag
hatte er ein Gefühl von Ruhe, Frieden und Sicherheit.
Dieses Gefühl hielt allerdings nur fünf Minuten
lang an, genau bis zu dem Zeitpunkt, an dem Lärm auf
der Straße das erneute Erscheinen von Soldaten ankündigte.
Er schaute sich nach einem Versteck um, aber der größere
der beiden Männer machte eine beruhigende Handbewegung.
Als die Soldaten ins Haus eindrangen, wechselte er mit ihnen
einige Worte, worauf sie das Haus, ohne ihn gesehen zu haben,
wieder verließen. Der Mann sprach nun wieder mit ihm,
und obwohl er kein Wort verstand, wußte er, daß
er dieses Haus und die Stadt verlassen mußte. Nachdem
er seine Tasse geleert hatte, legte der Mann die Hand auf
seine Schulter und wies zum Fenster, vor dem sich eine weite
vegetationslose Ebene ausbreitete. Er bedankte sich für
die Gastfreundschaft und den Schutz, worauf beide Männer
leise lächelten und nickten; dann stieg er aus dem Fenster.
Auf der linken Seite sah er am Horizont einen Wald, den er
in ein oder zwei Stunden erreichen würde. Langsam bekam
er Hunger. |
|
|
|
|